Andrea Fischer Schulthess – Motel Terminal

„Motel Terminal“ ist der Debütroman von Andrea Fischer Schulthess, der 2016 im Salis Verlag erschien.

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„Das einzig blöde an Gott ist, dass ich Angst habe vor ihm. Julie sagt, dass er alles sieht und weiß. Ein bisschen erinnert er mich an Mama. Sie weiß auch immer alles was ich tue, esse sage. Sie macht mir auch manchmal Angst.“

Meret ist fast 13 Jahre alt und hat in ihrem Leben nichts anderes gesehen als ihr Zimmer in dem alten Stundenmotel ihrer Großtante Julie. Die einzigen Menschen, die sie kennt, sind diese Tante und ihre Mutter Nora, die allerdings nicht die ganze Zeit bei Meret sein kann, da sie noch andere Verpflichtungen hat. Alles, was das Mädchen von der Außenwelt weiß, hat sie von ihrer Tante erfahren, die ihr gerne ausgeschmückte Geschichten aus der Zeit erzählt, als das Motel noch von vielen Pärchen in Anspruch genommen wurde. Julie kümmert sich die meiste Zeit um Meret und wenn ihre Mutter nicht da ist, darf das Mädchen manchmal auch das Zimmer verlassen. Doch Nora darf das nicht wissen, sie hat große Angst, dass Meret entdeckt wird und „die Bösen“ sie mitnehmen.

Wenn sie da ist, kümmert sich Nora um ihre Tochter, ist aber selten herzlich und fröhlich, sondern achtet nur darauf, dass Meret ihre Mathematikaufgaben macht und gesund bleibt. Der Alltag in dem Motel ist straff organisiert, es gibt für jeden Tag vorgeschriebene Mahlzeiten, die auf vorgeschriebenem Geschirr angerichtet werden. Auch muss peinlich genau darauf geachtet werden, dass man sich vor Betreten von Merets Zimmer desinfiziert, da das Mädchen auf keinen Fall so krank werden darf, dass sie ärztliche Hilfe benötigt. Doch es gibt Dinge, die man nicht kontrollieren kann und als so ein Fall eintritt, ändert sich das Leben aller vollkommen.

Die Kernhandlung des Romans erstreckt sich über neun Tage im heißen Juli 2013, er besteht jedoch aus zahlreichen Rückblenden aus Noras Leben und Tagebucheinträgen Merets. Der Leser kann sich so Stück für Stück die Beweggründe zusammenreimen, die Nora dazu brachten, ihre Tochter vor der Welt zu verstecken. Der Roman gibt mit schlichten, einfachen Worten das Leben Merets und Noras wider.

Vor allem Merets Tagebucheinträge sind interessant zu lesen, denn sie ist ein junges Mädchen, dessen Naivität nicht nur in ihrem Alter begründet ist, sondern auch in dem Umstand, dass sie vollkommen isoliert aufwächst. Die Außenwelt und deren Bewohner reizen sie sehr, doch sie hat auch genauso Angst vor dieser fremden Welt, die ihr vollkommen unbekannt ist- sie besitzt nur wenige Bücher, hauptsächlich Schulbücher und eine Ausgabe von „Alice im Wunderland“, einen Fernseher hat sie nicht.

Auch Nora, die man eigentlich für ihr Tun verabscheuen sollte, berührt den Leser durch ihre Vergangenheit. Obwohl man ihre Handlungen Meret betreffend nur bedingt verstehen kann, so kann man doch Mitgefühl für sie entwickeln, denn sie versteckt Meret nicht aus Egoismus oder um ihr Leben zu vereinfachen, sondern tut es aus dem Glauben heraus, ihre Tochter zu schützen und lebt mit dieser Entscheidung mehr schlecht als recht.

„Seit dreizehn Jahren war kein Tag vergangen ohne Bangen, ohne die Panik davor, Meret könnte gefunden werden oder etwas anderes Schlimmes widerführe ihr. Ihre Angst war größer als alles andere in ihrem Leben, allumfassend.“

Es ist jedoch an keiner Stelle so, dass es mitleidsheischend wirkt, Noras Jugend wird relativ emotionslos und in einer klaren Sprache geschildert. Gerade dies führt dazu, dass man die unterliegende Spannung, die über der Geschichte und auch über Noras und Merets Leben liegt, spüren kann.

Der Roman hat mich  nicht nur gefesselt, weil ich das Rätsel um Noras Beweggründe ergründen wollte, sondern auch weil die Charaktere, so abnorm ihr Handeln auch wirkt, innerhalb ihrer Möglichkeiten logisch agieren und reagieren. Alles in allem ist dieses Buch sehr spannend und auf eine stille, kühle Weise dramatisch, ohne dabei effekthaschend zu sein, was dazu führt, dass der Roman und seine Figuren mir noch länger im Gedächtnis bleiben werden.

 

Andrea Fischer Schulthess

Motel Terminal

Salis Verlag, 2016

ISBN: 978-3-906195-41-4

Rebecca West – Die Rückkehr

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Der Debütroman von Rebecca West wurde erstmals 1918 veröffentlicht und ist somit der einzige zeitgenössische Roman einer Frau, der sich mit dem ersten Weltkrieg befasst.

„Ich empfand tatsächlich einen kalten intellektuellen Stolz über seine Weigerung, sich an sein mittleres Alter zu erinnern, und über sein entschlossenes Verweilen in der Zeit seiner ersten Liebe, denn es machte ihn soviel vernünftiger als uns andere, die wir das Leben nehmen, wie es kommt, beladen mit dem Unwesentlichen und dem Lästigen.“

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Tana French – Gefrorener Schrei

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„Gefrorener Schrei“ (im englischen Original heißt das Buch „The Trespasser“- „Der Schuldige“, mit treffendem inhaltlichen Bezug) ist der sechste Roman der irischen Schriftstellerin Tana French. Das Besondere an den Romanen ist, dass jedes Buch aus der Perspektive eines anderen Ermittlers erzählt wird, der im vorherigen Band schon einmal aufgetaucht ist. So konnte man die Erzählerin dieser Geschichte schon in Frenchs vorherigem Roman „Geheimer Ort“ kennenlernen.

„Ich liebe diese Jagd, durch und durch. Mir ist völlig egal, ob mich das zu einem schlechten Menschen macht. Aber ich weiß, wenn wir das, was wir jagen, tatsächlich fangen, dann wird es uns wahrscheinlich zerfleischen.“

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Anne Enright – Rosaleens Fest

Anne Enright erhielt den Booker Prize 2007 für ihren Roman „Das Familientreffen“. Auch „Rosaleens Fest“ war auf der Longlist 2015 vertreten und wurde von  Hans-Christian Oeser ins Deutsche übertragen.

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„[…] sie alle taten es, die Madigans, sie blinzelten langsam. In ihrem Inneren suchten sie nach einem fehlenden Wort, nach einer Empfindung, die nur schwer zu erfassen oder zu erklären war. Sie lächelten mit geschlossenen Augen und verriegelten ihre Gesichter.“

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George Gissing – Die überzähligen Frauen

„Aber wussten Sie, dass es in diesem unserem glücklichen Land eine halbe Million mehr Frauen als Männer gibt? […] So viele überzählige Frauen, die niemals einen Partner finden werden.“

Das ist der Kernpunkt des Romans von George Gissing (1857-1903), der erstmals 1893 erschien.

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Die Handlung des Romans spielt 1888 in England. Er handelt von mehreren Frauen, die zwar ähnlicher Herkunft sind, also alle aus der Mittelklasse stammen, aber unterschiedliche Wege in ihrem Leben eingeschlagen haben. Weiterlesen „George Gissing – Die überzähligen Frauen“

Elizabeth Strout – Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout, geboren 1956 in Portland, veröffentlicht mit „“Die Unvollkommenheit der Liebe“ ihren fünften Roman. 2009 erhielt sie für „Mit Blick aufs Meer“ den Pulitzer Preis.

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Die Geschichte wird aus der Sicht von der inzwischen sich in den mittleren Jahren befindenden Lucy Barton erzählt und spielt hauptsächlich in dem New York der achtziger Jahre. Sie geht zu der Zeit zurück, in der sie als junge Mutter einige Wochen im Krankenhaus liegt. Sie beschreibt die Sehnsucht nach ihren beiden kleinen Töchtern und dem schlechten Gewissen, momentan nicht für sie und ihren Ehemann da sein zu können. Dieser hat für sie ein Einzelzimmer besorgt, damit sie sich in Ruhe erholen kann. Der Grund für ihre Krankheit und ihre spätere Gesundung ist unbekannt, sie leidet unter Fieber und kann kaum Nahrung bei sich behalten.

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Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit

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„Der weite Raum der Zeit“ der Autorin Jeanette Winterson ist ein Teil der Reihe „Hogarth Shakespeare“, in der bekannte Autoren die Stücke Shakespeares in moderne, eigene Geschichten adaptieren. Dieser Roman (und auch die anderen der Reihe) erscheinen beim Klaus Verlag in deutscher Übersetzung. „Der weite Raum der Zeit“ basiert auf „Das Wintermärchen“, einem von Shakespeares Spätwerken, in dem ein von Eifersucht zerfressender König sein Leben und das seiner Liebsten zerstört. Eine Zusammenfassung des Stücks befindet sich auf den ersten Seiten des Romans.

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Jane Austen- Todestag 18.07.1817

Jane Austens Werke sind auch noch heute, 199 Jahre nach ihrem Tod, sehr beliebt. Es gibt nicht nur vielfache werksgetreue Verfilmungen ihrer Romane, sondern auch filmische und schriftstellerische Adaptionen, die in der Gegenwart spielen, es gibt Flirtratgeber, die auf Austens Romanen aufbauen und inzwischen werden sogar Tanzveranstaltungen abgehalten, in denen man sich in das England zu Austen Lebenszeiten zurückversetzen kann. Doch wie kommt es, dass Romane, die vor 200 Jahren veröffentlicht worden sind, noch so ein breites Interesse (und das nicht nur unter Buchliebhabern) hervorrufen?

Ein kleiner Erklärungsversuch.

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