Jess Kidd – Der Freund der Toten

„Der Freund der Toten“ ist der erste Roman von Jess Kidd und wurde von Ulrike Wasel und Klaus Zimmermann ins Deutsche übersetzt.

„Mulderrig ist ein Dorf wie kein anderes. Hier sind die Farben ein kleines bisschen leuchtender, und der Himmel ist ein kleines bisschen weiter. Hier sind die Bäume so alt wie die Berge, und ein kleiner Fluss fließt ins Meer. Seine Einwohner bleiben von Geburt an hier, bis sie sterben. Sie wollen nicht weg.“

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Der größte Teil der Handlung spielt in dem kleinen irischen Örtchen Mulderrig im späten Frühjahr 1976. Mahony, der in einem Waisenhaus großgeworden ist, erhält ein Bild auf dem er und seine Mutter abgebildet sind und erfährt so, dass er in Mulderrig geboren wurde. Er hat als Kind sehr unter dem strengen Regiment der Nonnen im Waisenhaus gelitten und möchte nun den Grund herausfinden, warum er dort abgegeben wurde und macht sich auf den Weg zu seinem Geburtsort.

Im Dorf angekommen, mietet er ein Zimmer in einem Gasthaus, der einzige andere Gast ist die alte Mrs Cauley, die dort schon seit fast 30 Jahren residiert und sich von der Wirtin Shauna umsorgen lässt. Von ihr erfährt Mahony auch, dass seine Mutter kurz nach seiner Geburt vor 26 Jahren spurlos verschwand und vorher einen sehr schlechten Ruf im Dorf hatte. Sie verspricht ihm ihre Hilfe bei der Suche nach seiner Mutter.

Doch nicht nur Mrs Cauley steht ihm immer bei, denn Mahony hat ein besonderes Talent: Er kann Tote sehen und mit ihnen kommunizieren, was für ihn meistens eine Last ist, doch um das Rätsel seiner Herkunft zu entschlüsseln, braucht er jede Hilfe, die er bekommen kann.

Dies mag sich sehr skurril anhören und das ist es auch. Doch nicht nur Mahonys außergewöhnliche Fähigkeit ist hier bizarr. Auch die (lebendigen) Bewohner Mulderrigs- seien es die alte, perückentragende Mrs Cauley, der fade, unbeliebte Father Quinn oder der freundliche Pubbesitzer Tadhg- sie alle sind überspitzt und verschroben. Jedoch wirken sie zu keiner Zeit lächerlich und Jess Kidd lässt auch die Handlung nie ins Alberne abschweifen.

Leider leiden die Charaktere etwas unter dieser Eigenartigkeit, sie wirken doch sehr stereotyp und verfügen über wenig Tiefe.

Trotz dieses Kritikpunktes hat das Buch mich wunderbar unterhalten, denn die Idee, die Hauptfigur Tote sehen zu lassen, ist sehr gut umgesetzt. Warum genau Mahony dieses Talent besitzt, wird zwar nicht näher erläutert, aber das ist mir auch nicht so wichtig. Ich fand die Art, wie und wo die Toten auftauchen, sehr interessant: Die Verstorbenen scheinen bei den Menschen zu bleiben, die ihnen auch im Leben nahestanden. Jedoch sind die Toten nicht mehr dieselben, die sie als Lebende waren.

„Denn weder verändern sich die Toten noch wachsen sie. Sie sind bloß Echos der Geschichte ihres eigenen Lebens, falsch herum gesungen. Sie sind das Muster auf den geschlossenen Augenlidern, nachdem du etwas Helles gesehen haben. Sie sind doppelt belichtete Filme.“

Der Roman ist sehr bildgewaltig geschrieben und dadurch wurde ich in die Handlung eingesogen, so dass ich beim Lesen kaum merkte, wie die Zeit verging und erst ein paar Mal blinzeln musste, wenn ich das Buch beiseite gelegt habe. Kidd gelingt es vortrefflich, eine heitere, etwas ungewöhnliche Stimmung aufzubauen, in der sie selbst die etwas wunderlichen Bewohner Mulderrigs und die Tatsache, dass es Menschen gibt, die Tote sehen, vollkommen normal erscheinen lässt.

Im Kontrast zu dem sonnendurchfluteten Frühling 1976 stehen nur zwei Kapitel, die im Jahr 1950 spielen. Diese sind erschreckend brutal und grausam, jedoch wichtig für die Handlung und wirken im Ganzen adäquat.

Trotz der schon genannten plakativen Charaktere hat mir das Buch aufgrund der stimmigen Beschreibungen und des ungewöhnlichen Humors sehr gut gefallen und ich kann es ohne Bedenken weiterempfehlen.

 

Jess Kidd

Der Freund der Toten

Dumont, 2017

ISBN: 978-3-8321-9836-7

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