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Sind Serien die neuen Romane?

Ein paar Gedanken

„Hast du nie gedacht, der Roman sei tot, jedenfalls eine bestimmte Art von Roman? Hast du nie gedacht, die Drehbuchschreiber hätten euch abgehängt, vielleicht auch an den Nagel gehängt? […] Diese enge Beziehung, die sich zwischen der Figur und dem Zuschauer knüpft, dieses Gefühl von Verlust oder Trauer, das dieser empfindet, wenn die Geschichte zu Ende ist. Das geschieht nicht mehr mit Büchern, das passiert jetzt woanders.“

So drastisch formuliert es L. in Delphine de Vigans Roman „Nach einer wahren Geschichte“.

Die gegenwärtige Serienlandschaft

Heutzutage ist es dank Netflix&Co so einfach wie noch nie, problemlos und zu jeder Tages- und Nachtzeit an eine neue, qualitativ hochwertige Fernsehsendung zu gelangen und meist hat man auch die Möglichkeit, nicht nur eine, sondern gleich mehrere Folgen am Stück zu sehen.

Außerdem sind die aktuellen Serien nicht nur mit hervorragenden Schauspielern besetzt (Jude Law als Papst in „The Young Pope“ ist hier nur ein Beispiel), sondern auch ästhetisch sehr ansprechend und erschaffen künstlerische Paralleluniversen, in denen der Zuschauer versinken und die schnöde Realität ausblenden kann.

Ebenso sind die Charaktere in vielen dieser Serien tiefgründig, es gibt selten eine Schwarz-Weißmalerei, in der „die Guten“ gegen „die Bösen“ kämpfen, es herrschen Grautöne vor. Die Figuren haben positive und negative Charaktereigenschaften, sie sind oft sowohl Held als auch Bösewicht, deren Verhalten den Zuschauer überrascht und entsetzt, jedoch auch immer bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar ist (z. B. Tommy Shelby, die Hauptfigur aus „Peaky Blinders“). Eine Serie lässt ihren Figuren natürlich mehr Zeit, sich zu entwickeln als ein 90minütiger Film es kann.

Auch sind die Handlungsstränge sehr vielschichtig, sie behandeln oftmals einen Teil der Zeitgeschichte (z.B. „The Crown“, dort geht es um die ersten Regierungsjahre der jungen Queen Elisabeth II) oder erschaffen eine vollkommen andere Welt, die aber durchaus Parallelen zu unserer Weltgeschichte aufweist (ein gutes Beispiel hierfür wäre „Game of Thrones“) – man lernt also noch ganz nebenbei wichtige Vorkommnisse der Geschichte kennen (ob diese nun historisch vollkommen korrekt dargestellt werden, ist natürlich durchaus diskussionswürdig).

Sind Serien die neuen Romane?

Doch nun zurück zur Ausgangsfrage: Sind Serien dabei, den Roman abzulösen?

Natürlich ist es angenehm, passiv vor dem Fernseher zu sitzen, in einer Serie zu versinken und sich bis zu einem gewissen Grad berieseln zu lassen. Auch ist das Lesen eine relativ einsame Angelegenheit und eine Serie kann gemeinsam mit dem Partner/ der Partnerin, der Familie oder Freunden angesehen werden. Des Weiteren werden viele Serien so gehypet, dass man viele andere Menschen findet, mit denen man über das Gesehene diskutieren kann, als Leute, die sich über Romane unterhalten (Tobi von Lesestunden hat einen sehr lesenswerten Beitrag über die Einsamkeit des Romanlesers geschrieben).

Es gibt allerdings ein paar sehr wichtige Argumente, die ganz klar zeigen, dass der Roman noch lange nicht überholt worden ist und in den nächsten Jahrzehnten auch nicht verschwinden wird.

Das erste ist, dass Serien- so gut sie auch sein mögen- wenig Spielraum für die eigene Fantasie lassen. Jede Visualität, jede Akustik, jede Emotion ist schon fertig vorhanden und kann (logischerweise) vom Zuschauer nicht mehr beeinflusst werden. Ein Roman hingegen lässt dem Leser gewisse Freiheiten, sich die Figuren und die Umgebung vorzustellen und er/sie ist emotional in die Handlung vielleicht sogar stärker involviert als wenn er/sie passiv vor dem Bildschirm etwas geschehen sieht.

Hinzu kommt, dass vieles in Serien verkürzt dargestellt wird, während die Handlung eines Romans sehr viel ausführlicher ist- jeder, der schon mal eine Verfilmung seines Lieblingsbuchs gesehen hat und hinterher enttäuscht war, kann das verstehen.

Auch sind die Stilmittel, die in Serien benutzt werden, vollkommen andere als die der Literatur. So können Romane einen ganz anderen Einblick in das Innenleben der Figuren geben, als es auf dem Bildschirm möglich ist. Ein innerer Monolog wirkt in einer Serie oftmals hölzern oder unpassend, in einer geschriebenen Geschichte hat dieser eine ganz andere Qualität und verschafft dem Leser mehr Verständnis für die Situation. Ein Roman erhält viel mehr, als bloße Personen- und Umgebungsbeschreibungen und Dialoge- die geschriebene Sprache hat eine komplett andere Intensität als die bildliche Darstellung.

Ein ganz praktisches Argument ist der Zeitaufwand: Beim Lesen kann man selbst entscheiden, wie lang man sich der Lektüre widmet, seien es mehrere Stunden oder nur während der kurzen Bahnfahrt. Wenn man hingegen eine Serie anstellt, macht es nur wenig Sinn, diese Folge nicht zu Ende zu sehen.

Man sollte auch nicht vergessen, dass man sich während des Lesens ausschließlich mit einer Sache beschäftigt und dies auch fokussiert und konzentriert tut. Wenn man fernsieht, neigt man oft dazu, noch etwas anderes zu machen (kurze Gespräche, Mails checken, ..).

Und noch eine kleine Information am Rande: Man sollte nicht außer acht lassen, dass Studien belegen, dass Lesen unser Gehirn ganz anders beansprucht als Fernsehen. So hat das Lesen von Fiktion einen positiven Einfluss auf die Gehirnfunktion und verbessert die Hirnverbindungen (hier ein Link zu der Studie), des Weiteren wird die linke Gehirnhälfte beim Lesen aktiviert- diese ist unter anderem verantwortlich für logisches Denken (Link). Im Gegensatz dazu haben Studien ergeben, dass während des Fernsehens die linke Gehirnhälfte kaum beansprucht wird und dass die Geisteskraft von „Vielsehern“ im Alter deutlich mehr nachlässt, als die anderer (Link).

Ein friedliches Miteinander

Ist der Roman also tot, bzw. sein Ableben nah? Nein, keinesfalls! Meiner Meinung nach werden wir uns auch in der Zukunft mit Begeisterung den fiktiven Geschichten aus Romanen widmen, denn u.a. sind die Bilder, die gelesene Wörter im Kopf heraufbeschwören können, nicht in Serien umsetzbar. Vielleicht ist es eher so, dass Serien und Romane einander ergänzen können, denn insbesondere Action- oder Kampfszenen sind in der filmischen Darstellung oft fesselnder als in einer Buchbeschreibung. Um einen mit Worten beschriebenen Bewegungsablauf zu lesen braucht es mehr Zeit, als die formulierte Bewegung auszuführen, d. h. also dass eine kurze Szene in einer Serie in diesem Fall sehr viel treffender ist. Ich denke auch, dass Menschen, die sowieso gerne lesen, dies weiter tun werden und vielleicht bringen Serien Nichtleser dazu, selber mal ein Buch zu genießen. Momentan gibt es auch einige interessante Serien, die auf Romanen basieren (z.B. „The Handmaid’s Tale“) und das Lesen des Romans nicht ersetzen, sondern ergänzen, bzw. die Zuschauer dazu anregen, das Buch zu lesen, auf dem die Serie basiert.