Kategorie: Deutsche Literatur

Dörte Hansen – Altes Land

„Flüchtlinge suchte man sich nicht aus, man lud sie auch nicht ein, sie kamen einfach angeschneit mit leeren Händen und wirren Plänen, sie brachten alles durcheinander.“

„Altes Land“ ist der erste Roman von Dörte Hansen und ist 2015 erschienen, inzwischen ist er auch als Taschenbuchausgabe erhältlich.

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Der Roman spielt größtenteils in einem Dorf im Alten Land, einem Teil der Elbmarsch. Vera Eckhoff kommt als junges Mädchen zusammen mit ihrer Mutter Hildegard an den Hof von Ida Eckhoff. Die Familie musste während des 2. Weltkrieges aus Ostpreußen flüchten und wurde auf dem Hof untergebracht. Ida ist nicht erfreut über ihre „Gäste“, vor allem da Hildegard keine Mühen scheut, Ida in den Wahnsinn zu treiben. Idas Sohn Karl ist zwar körperlich unversehrt, aber seelisch gebrochen aus dem Krieg heimgekehrt und ist ihr auch keine Hilfe mehr.

Vera wird den Rest ihres Lebens in diesem alten Bauernhaus verbringen, doch scheint sie sich nicht ins Dorfleben einzufügen. Sie studiert Zahnmedizin und eröffnet ihre Praxis in dem Dorf, jedoch lebt sie eigenbrötlerisch mit Karl, ihren Hunden und Pferden in dem immer mehr verfallendem Bauernhaus, denn sie weigert sich, Erneuerungen an dem Haus vorzunehmen.

„Sie war auf Ida Eckhoffs Hof gespült worden wie ein Ertrinkender auf eine Insel. Um sie herum war immer noch das Meer, und Vera hatte Angst vor Wasser. Sie musste bleiben auf ihrer Insel, auf diesem Hof, wo sie zwar keine Wurzeln schlagen konnte, aber doch festgewachsen an den Steinen, wie eine Flechte oder ein Moos.“

Die Leute im Ort halten sie für verschroben, mit Ausnahme ihres Nachbarn Heinrich scheint kaum jemand näheren Kontakt zu ihr zu haben. Auch als sie sich dem Rentenalter nähert, bleibt sie eine sture, eigensinnige Frau. Derweil trennt sich in Hamburg  ihre Nichte Anne von ihrem Ehemann und da sie nicht weiß, wo sie hin soll, fährt sie zusammen mit ihrem kleinen Sohn Leon zu ihrer Tante ins Alte Land.

Das Buch beinhaltet viele verschiedene Themen. Die Kriegstraumata, die die Flüchtlinge des zweiten Weltkriegs mit sich brachten, die Romantisierung des Landlebens, das als oberflächlich dargestellte Hamburg Ottensen, Vorurteile über Stadt- und Landbewohner, erzwungene Neuorientierung im Leben und das damit verbundene Gefühl der Hilflosigkeit, Einsamkeit, die Probleme der Mutter-Tochter Beziehungen. Das hätte auch schiefgehen können, indem die Themen entweder zu oberflächlich abgehandelt werden oder die Geschichte zu überladen wird. Hansen ist es jedoch sehr gut gelungen, die Balance zu halten und einen äußerst lesenswerten, sprachlich angenehm zu lesenden Roman zu schreiben. Und trotz der doch recht schweren Themen ist das Buch stellenweise sehr humorvoll und driftet nie in den Kitsch ab. So werden die Stadtmenschen, die das Landleben romantisieren und einen Realitätsschock erleiden, ordentlich „aufs Korn genommen“, aber nicht unnötig ins Lächerliche gezogen.

Die Charaktere sind zwar schrullig, aber nicht zu überspitzt oder absurd, so dass man ihre Gedanken und Beweggründe nachvollziehen kann. Vera, das ehemalige Flüchtlingskind, die zwar nach der Flucht ein zu Hause bekam, aber kein wirkliches Heim gefunden hat. Dies scheint sich auch auf ihre Nichte Anne übertragen zu haben. Anne, die schon ihr ganzes Leben keinen festen Halt zu haben scheint.

„Die Kunst bestand darin, den Abflug zu machen, bevor die Dinge kompliziert wurden und der Lack erste Schrammen kriegte. Sie war sehr gut darin geworden, eine Meisterin des Aufbrechen und Weitergehen.“

Doch da Anne nun Mutter ist, kann sie nicht ohne weiteres ihre Zelte abbrechen und lebt nun zusammen mit ihrer Tante in dem alten Bauernhaus. Leon fühlt sich sehr schnell wohl und findet rasch neue Freunde, während Anne etwas mehr Zeit braucht um sich einzufinden.

Besonders interessant fand ich die Darstellung der ehemaligen Flüchtlinge, die in ihre alte Heimat reisen und wie sie damit umgehen.

„Die alten Menschen sanken dann in ihre Sitze und sahen nicht so aus, als wären sie geheilt. Sie kamen Anne vor wie Operierte, noch mal aufgemacht und dann zu früh entlassen, auf eigene Verantwortung.“

Dies hat mich sehr berührt,  denn meine Großmutter ist aus Schlesien geflüchtet und hat immer in den hellsten Farben von ihrer Heimatstadt erzählt, und es war ein großer Traum von ihr, noch einmal in ihre alte Heimat zurückzukehren  (über ihre Flucht hat sie übrigens nie gesprochen).

Aber auch der schon oben erwähnte Humor in dem Buch hat mir sehr gefallen. Sei es die Beschreibung der Übermütter der Hamburger Gesellschaft, die ihre Kinder wie Siegestrophäen vor sich her tragen oder der Stadtmenschen, die sich das authentische Landleben wie einen Artikel in einem Hochglanzmagazin vorstellen und mit den knallharten Tatsachen konfrontiert werden.

Alles in allem ist „Altes Land“ ein Roman, der mir sowohl sprachlich als auch inhaltlich sehr gut gefallen hat und den ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann und ich ganz sicher auch das nächste Buch von Hörte Hansen lesen werde.

 

Dörte Hansen

Altes Land

Knaus, 2015

ISBN: 978-3-8135-0647-1 (gebundene Ausgabe)

Penguin, 2017

ISBN: 978-3-328-10012-6 (Taschenbuch)

Arno Frank – So, und jetzt kommst du

„Gemeinsam bilden meine Eltern eine Einheit, die sich jeder Frage entzieht – wie man einem Gebirge keine Fragen stellt. […] Sie waren schon immer da und werden immer da sein. Was sie tun, ist richtig.  Weil sie es tun. So einfach ist das.“

Arno Frank ist Journalist und hat mit dem autobiographisch geprägten Buch „So, und jetzt kommst du“ seinen ersten Roman veröffentlicht.

Arno Frank So und jetzt kommst du

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Inger Maria Mahlke – Wie Ihr Wollt

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Inger-Maria Mahlkes Roman „Wie Ihr Wollt“ setzt sich mit dem Elisabethanischen England auseinander. Der Stoff orientiert sich an wahren historischen Ereignissen und Personen, er ist jedoch kein historischer Roman im eigentlichen Sinne. Die Sprache ist modern und auch Mary Grey, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist eine moderne Frau.

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Jenny Erpenbeck – Gehen, Ging, Gegangen

Jenny Erpenbeck – Gehen, Ging, Gegangen

Jenny Erpenbeck wurde 1966 in Berlin geboren und veröffentlicht mit „Gehen, Ging, Gegangen“ ihr nunmehr achtes Buch, mit dem sie auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015 vertreten war.

2012. Der Berliner Richard ist ein verwitweter und seit kurzem emeritierter Professor. Er ist noch unsicher, was er mit seiner neuen Freiheit anfangen soll. Er hat nun die Zeit, all die Dinge zu tun, die er schon immer tun wollte. Leider erfüllen ihn diese Dinge nicht so, wie er angenommen hatte. Seine Ehefrau ist tot, seine Geliebte hat ihn schon vor Jahren verlassen, er hat keine Kinder. Das Einzige, das er hat, ist Zeit.

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