Rebecca West – Die Rückkehr

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Der Debütroman von Rebecca West wurde erstmals 1918 veröffentlicht und ist somit der einzige zeitgenössische Roman einer Frau, der sich mit dem ersten Weltkrieg befasst.

„Ich empfand tatsächlich einen kalten intellektuellen Stolz über seine Weigerung, sich an sein mittleres Alter zu erinnern, und über sein entschlossenes Verweilen in der Zeit seiner ersten Liebe, denn es machte ihn soviel vernünftiger als uns andere, die wir das Leben nehmen, wie es kommt, beladen mit dem Unwesentlichen und dem Lästigen.“

Der wohlhabende Chris, Besitzer und Bewahrer des Herrenhauses Baldry Court, befindet sich zu Beginn des Romans als Soldat in Frankreich. Seine schöne Frau Kitty und seine Cousine Jenny, die Erzählerin des Romans, kümmern sich um den herrschaftlichen Landsitz. Jenny macht sich große Sorgen um ihren Cousin, den sie abgöttisch liebt- es scheint sogar, als würde sie mehr für ihn empfinden und sich mehr um ihn sorgen als seine Ehefrau. Eines Tages wird den beiden Frauen die Nachricht überbracht, dass Chris durch eine Blendgranate verletzt worden ist.

Er ist körperlich unversehrt, jedoch hat er alle Geschehnisse und Personen, die er seit seinem jungen Erwachsenenalter erlebt und kennengelernt hat, vergessen, dieser Zustand wird als „Granatenschock“ bezeichnet. In seiner Vorstellung ist er Anfang 20 und unsterblich in Margaret, die Tochter eines Wirts, verliebt.

Als er zurück nach England kommt, ist ihm sein Haus, das er unermüdlich erneuert und verschönert hat, fremd, auch seine Frau und seine Cousine sind Unbekannte für ihn. Die einzige Person, mit der er Zeit verbringen will, ist Margaret. Diese ist inzwischen eine zu früh gealterte, verheiratete Frau, doch Chris ist glücklich, wenn er an ihrer Seite ist. Also beschließen Kitty und Jenny, Margaret und Chris die Tage gemeinsam verbringen zu lassen und insbesondere Jenny versucht, sich mit der schwierigen Situation zu arrangieren.

Es ist nicht nur eine schwierige Situation, dass Chris eine andere Frau liebt, sondern auch, dass diese Frau weit unter seinem Stand steht. Damit hat nicht nur Kitty Probleme, sondern auch Jenny versteht nicht, was Chris in dieser Frau sieht.

„Sie war weniger ein Mensch als vielmehr eine Demonstration trostloser Armut, so wie eine offene Tür in einem schäbigen Haus, die den Geruch kochenden Kohls und das Geschrei von Kindern herausdringen lässt.“

Sie und Kitty sind jederzeit gut gekleidet, haben ein wunderschönes, gepflegtes Anwesen und verstecken ihre Gefühle hinter Höflichkeiten und Plattitüden. Margaret hingegen trägt alte Kleidung und hat keine Angst, ihre Gefühle zu zeigen, wenn es angebracht erscheint.

Die Arroganz der höhergestellten Jenny wirkt vollkommen natürlich und wird nie von ihr selbst hinterfragt, vielmehr sind auch Margarets positive Eigenschaften immer eng verbunden mit ihrer einfachen Herkunft. Dennoch kommen ihr nach einiger Zeit Zweifel, ob ihre und Kittys Art zu leben wirklich glücklich machen kann.

Da der Roman von einer Zeitzeugin geschrieben wurde, wirken Jennys Gedanken zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt, auch wenn ihre Ansichten für uns befremdlich wirken können.

Des Weiteren ist es interessant, etwas über die Erklärungsversuche von Chris’ Zustand zu erfahren, in einer Zeit, als Posttraumatische Belastungsstörungen zwar vorhanden waren, es aber natürlich bei weitem nicht die Behandlungen gab, die es heute gibt. Sein Zustand wird oftmals nur als „Wahnsinn“ bezeichnet und nur dank seines hohen gesellschaftlichen Status’ geduldet. Außerdem wäre Chris’ Heilung ein zweischneidiges Schwert: In diesem Falle könnte er sich zwar an seine Frau und Cousine erinnern und wäre wieder gesund, aber er müsste wahrscheinlich auch zurück an die Front, wo ihn vielleicht noch ein schlimmeres Schicksal erwartet.

Die Sprache wirkt überraschend modern, was aber auch an der Übersetzung von Britta Mümmler liegen kann. Die Geschichte ist mit vielen Gedanken und Beschreibungen des Hauses und der Umgebung gefüllt, die so treffend und „dicht“ sind, dass man vollkommen in der Geschichte versinken kann. Es wird nicht ein einziges Mal ermüdend und es gibt meiner Meinung nach keinen redundanten Satz in diesen 160 Seiten, manche Sätze sind so treffend und schön, dass ich sie gleich mehrmals lesen musste.  Eine absolute Leseempfehlung!

Rebecca West

Die Rückkehr

dtv, 2016

ISBN: 978-3-423-28080-8

 

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