Arno Frank – So, und jetzt kommst du

„Gemeinsam bilden meine Eltern eine Einheit, die sich jeder Frage entzieht – wie man einem Gebirge keine Fragen stellt. […] Sie waren schon immer da und werden immer da sein. Was sie tun, ist richtig.  Weil sie es tun. So einfach ist das.“

Arno Frank ist Journalist und hat mit dem autobiographisch geprägten Buch „So, und jetzt kommst du“ seinen ersten Roman veröffentlicht.

Arno Frank So und jetzt kommst du

Der größte Teil des Romans spielt in den achtziger Jahren. Die Familie Frank, bestehend aus Vater Jürgen, Mutter Jutta und den Kindern Arno, Jeany und Fabian, lebt in Kaiserslautern. Jürgen denkt, dass er durch Betrügereien einen einfachen Weg gefunden hat, reich zu werden. Er findet es nicht sonderlich erstrebenswert, den größten Teil seines Lebens darauf zu verschwenden, für Geld zu arbeiten. Die Familie lebt zu Beginn der Erzählung in einem Haus, das sie allerdings verlassen müssen um in ein einsames Haus am Rande des Waldes zu ziehen. Jürgen ist Gebrauchtwagenhändler und recht gut darin, Menschen minderwertige Autos aufzuschwatzen. Arno, der auch der Erzähler des Romans ist, lechzt nach der Aufmerksamkeit seines Vaters und hängt ihm bei jedem seiner (moralisch fragwürdigen) Ratschläge an den Lippen. Das titelgebende „So, und jetzt kommst du“ sind die Worte, die Jürgen nach seinen Erzählungen an seinen Sohn richtet.

Eines Tages werden die Kinder nachts von ihren Eltern geweckt und müssen ihre Koffer packen, da sie nach Frankreich ziehen wollen. Die Kinder sind aufgeregt und es beginnt eine lange Fahrt nach Cannes, wo sie eine Villa mieten und das Leben der Reichen und Schönen leben können, da Vater Jürgen ein gutes Geschäft gemacht hat – das jedenfalls wird den Kindern erzählt. Doch eines Tages beginnt die schöne Fassade zu bröckeln und die Familie muss ihren Lebensmittelpunkt wieder unvermittelt verlegen, dieses Mal ist es jedoch deutlich weniger luxuriös.

Eigentlich lese ich ungern Romane, deren Handlung ausschließlich aus der Sicht eines Kindes geschildert wird, weil ich die kindliche Perspektive nach einiger Zeit ermüdend finde, da zu viele Teile der Handlung simplifiziert werden und die Erzählweise oftmals auch zu bemüht naiv geschrieben ist. Bei „So, und jetzt kommst du“ ist dies allerdings zu keiner Zeit der Fall. Die kindlichen Sichtweisen werden nicht nur durch unverstandene Worte vermittelt (z.B. machen er und seine Schwester sich öfter Gedanken über das Leben in der Dédé Air), sondern auch durch den Gebrauch von Metaphern und Personifikationen. So wird der Wald, an dessen Rand die Familie zwischendurch lebt, als wäre er ein großes, lebendiges Wesen, das eine große Macht besitzt, beschrieben. Auch die Autos, die sein Vater verkauft, sind nicht kaputt, sondern haben Krankheiten. Diese Metaphern sind gut geschrieben und wirken niemals bemüht oder gezwungen. Gerne würde ich diese Passagen zitieren, aber das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen.

Auch die Naivität des jungen Ich-Erzählers wirkt nicht aufgesetzt, die aufrichtige Bewunderung für seinen Vater und das Bestreben, ihm zu gefallen, werden authentisch vermittelt. Auch das große Vertrauen, das er seinen Eltern entgegenbringt, ist glaubhaft. Bis zu einem gewissen Punkt zweifelt er nicht an den Handlungen seiner Eltern, er vertraut ihrem Tun vollkommen.

„Ja, denke ich, meine Eltern sind ein Gebirge. Papa ist ins Rutschen geraten, und jetzt stellt Mama mit ihrer Ruhe das natürliche Gleichgewicht wieder her. Als würde sich das meinen Eltern zugewiesene Quantum an Tapferkeit in diesem Moment wieder neu verteilen.“

Die kindliche Erzählperspektive hat auch den Effekt, dass man sich während des Lesens Gedanken um die kleine Familie macht. So fand ich die Zeit in Cannes unterhaltsam und amüsant, aber wusste natürlich, dass es bei dem unvermuteten Reichtum nicht mit rechten Dingen zugehen kann, was mich doch sehr „unruhig“ gemacht hat. Als die Familie dann überstürzt weiterzieht, werden Dinge geschildert, die ich so niemals vermutet hätte und die mich mehr erschreckt haben, als ich zugeben möchte.

Dieser Roman ist eine absolute Leseempfehlung, allerdings sollte man sich bewusst sein, dass er inhaltlich keine lockere Sommerlektüre ist- ich habe zwar mehr als einmal laut aufgelacht, musste allerdings zwischendurch das ein oder andere Tränchen verdrücken, was mir wirklich nicht oft beim Lesen passiert- aber da scheine ich nicht die einzige zu sein. Und auch dieses Buch wird mir, wie so einige andere in letzter Zeit, noch lange nachhallen.

Arno Frank

So, und jetzt kommst du 

Tropen, 2017

ISBN: 978-3-608-50369-2

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