Anne Enright – Rosaleens Fest

Anne Enright erhielt den Booker Prize 2007 für ihren Roman „Das Familientreffen“. Auch „Rosaleens Fest“ war auf der Longlist 2015 vertreten und wurde von  Hans-Christian Oeser ins Deutsche übertragen.

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„[…] sie alle taten es, die Madigans, sie blinzelten langsam. In ihrem Inneren suchten sie nach einem fehlenden Wort, nach einer Empfindung, die nur schwer zu erfassen oder zu erklären war. Sie lächelten mit geschlossenen Augen und verriegelten ihre Gesichter.“

Es geht um die irische Familie Madigan, bestehend aus Mutter Rosaleen und ihren Kindern Constance, Dan, Emmet und Hanna. Der Roman ist in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil wird aus den Perspektiven der Kinder erzählt, es beginnt im Jahr 1980 als die Jüngste, Hanna, zwölf Jahre alt ist und die Familie (insbesondere Rosaleen) schockiert ist von Dans Ankündigung, Priester zu werden. Danach verfolgt der Leser Dan in New York am Anfang der neunziger Jahre, Constanze, die inzwischen Mutter von drei Kindern ist und Emmet, der als Entwicklungshelfer in Afrika arbeitet.

Der zweite Teil des Buches spielt im Jahr 2005. Die inzwischen im mittleren Alter angekommenen und über mehrere Kontinente verstreuten Kinder kehren in ihr Elternhaus zurück, um mit ihrer Mutter Weihnachten zu feiern.

Obwohl es den Anschein hat, dass sich die Madigan Kinder sowohl in ihrem Lebensort als auch in ihrer Lebensweise so weit wie möglich von ihrer Kindheit, insbesondere ihrer Mutter Rosaleen, entfernt haben, fügen sie sich schnell wieder in ihren Platz in der Familie ein. Constance, die alles organisiert und sich um alle Sorgen macht; Dan, der Lieblingssohn, immer auf Ausgleich und Frieden bedacht; Emmett, der sich nichts gefallen lässt und Hanna, die für ihre Tollpatschigkeit bekannt ist. Es wirkt so, als wären ihre Rollen genauso festgelegt und unveränderlich wie ihre äußerlichen Gemeinsamkeiten. Da die Familie das erste Mal seit Jahren wieder komplett zusammenkommt, brechen unvermeidlich auch alte Konflikte und Streitigkeiten auf, vor allem, als Rosaleen eine große Ankündigung macht.

Der Roman hat mir ausgesprochen gut gefallen, da mich nicht nur die Geschichte dieser dysfunktionalen Familie interessiert hat, sondern auch der Schreibstil Anne Enrights sehr ausdrucksvoll ist. So werden Farben auf eine fast synästhetische Weise dargestellt, der ich so noch nie begegnet bin.

„Natürlich war ihre Besorgnis auch eine Besorgnis um sich selbst. Ein kindliches Ich, jenseits aller Tränen. Dan empfand es wie etwas Weißes in seiner Brust. Ein brennendes Verlangen.“

Farben stehen aber nicht nur für Gefühle, sondern auch für Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Der erste Teil „Abschied“ erstreckt sich auf 25 Jahre, während sich die Handlung im zweiten Teil, „Heimkehr“ hauptsächlich mit zwei Tagen befasst. 25 Jahre benötigen die Madigans, Abstand von ihrem Elternhaus (vor allem ihrer narzisstischen Mutter) zu gewinnen und ein vollkommen anderes Leben als ihre Eltern zu führen, doch innerhalb weniger Stunden wirkt es fast so, als seien sie nie weg gewesen. Es hat mich fasziniert, wie mühelos sich die Kinder wieder in ihre angestammten Rollen eingefügt haben, sie benehmen sich zwar in keinster Weise kindlich, aber dennoch fühlen und handeln sie oftmals ähnlich unreflektiert wie sie es als Kinder und Jugendliche getan haben.

Der fehlende Abstand zu ihrem früheren Selbst fördert natürlich auch die vergrabenen Konflikte, was immer wieder zu Spannungen führt und Rosaleens Verhalten schürt diese noch. Denn auch sie ist noch dieselbe Frau, die sie war, mit dem Unterschied, dass sie nie versucht hat, aus ihrem Leben auszubrechen oder etwas zu verändern, sie harrt aus, wartet auf etwas Unbestimmtes, bis zu diesem Weihnachtsfest.

„Rosaleen war des Wartens müde. Ihr ganzes Leben hatte sie auf etwas gewartet, das nie eingetreten war, und sie konnte die Spannung nicht länger ertragen.“

Ich konnte diesen Roman kaum aus der Hand legen, auch wenn oftmals nur episodenhaft erzählt wird und der Spannungsbogen auf den ersten Blick eher flach zu sein scheint. Die bildhafte, aber dennoch nicht überladene Sprache und die Dynamik der Familienmitglieder machen diese Geschichte aber für mich zu etwas ganz Besonderem.

 

Rosaleens Fest

Anne Enright

Penguin, 2016

ISBN: 978-3-328-10023-2

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