George Gissing – Die überzähligen Frauen

„Aber wussten Sie, dass es in diesem unserem glücklichen Land eine halbe Million mehr Frauen als Männer gibt? […] So viele überzählige Frauen, die niemals einen Partner finden werden.“

Das ist der Kernpunkt des Romans von George Gissing (1857-1903), der erstmals 1893 erschien.

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Die Handlung des Romans spielt 1888 in England. Er handelt von mehreren Frauen, die zwar ähnlicher Herkunft sind, also alle aus der Mittelklasse stammen, aber unterschiedliche Wege in ihrem Leben eingeschlagen haben.

Die drei Madden-Schwestern Alice, Virginia und Monica (es gab ursprünglich sechs Schwestern, drei von ihnen sind allerdings schon tot) haben von ihrem früh verstorbenen Vater nur einen relativ kleinen Geldbetrag geerbt, diesen heben sie sich allerdings für ihre Altersversorgung auf. Die beiden älteren Schwestern, Alice und Virginia, sind gescheiterte Existenzen, unscheinbare Frauen mit angeschlagener Gesundheit, die den größten Teil ihres Lebens ihren Lebensunterhalt als Gouvernante und Gesellschafterin bestritten haben, nun aber arbeitslos sind und sich ein kleines Zimmer im Großraum London teilen. Ihre jüngste Schwester Monica ist 20 Jahre alt und arbeitet unter ziemlich schlechten Bedingungen bei einem Tuchhändler. Zufällig wird der Kontakt der beiden älteren Schwestern zu Rhoda Nunn wieder aufgenommen. Diese arbeitet zusammen mit einer Freundin, Miss Barfoot, an einer von ihnen gegründeten Schule. Sie bilden dort junge unverheiratete Frauen im Schreibmaschineschreiben aus, um Mädchen aus gutem Hause eine Möglichkeit abseits der üblichen Frauenberufe (Gouvernante, Gesellschafterin,Lehrerin oder Krankenschwester) zu geben. Rhoda Nunn ist davon überzeugt, dass eine Frau einen Beruf haben sollte, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten kann ohne sich dabei zugrunde zu richten, von Ehe hält sie nicht viel. Sie nimmt Monica in die Schule auf, aber trotz ihrer Vorurteile gegenüber der Heirat denkt sie, dass es für Monica das Beste wäre, eine Ehe einzugehen, da sie wenig Talent und Motivation für die Ausbildung hat. Rhoda weiß allerdings nicht, dass Monica einen wohlhabenden älteren Mann kennengelernt hat, der um sie wirbt. Des Weiteren interessiert sich auch Everard Barfoot, der Cousin ihrer Freundin für Rhoda.

Ich habe hier die Handlung wirklich nur kurz angerissen, alles andere hätte den Rahmen gesprengt. Der Roman ist knapp über 400 Seiten lang und der Leser begleitet die Personen über mehr als ein Jahr. Die Perspektiven wechseln zwischen den Protagonisten (die drei Madden-Schwestern, Rhoda Nunn, Miss Barfoot, Mr Barfoot und Monicas Bekanntschaft), es gibt nur wenig Beschreibungen, sondern viele Dialoge und innere Monologe, die leider auch ein paar Längen haben. Nicht nur das Thema des Romans, auch die Sprache ist überraschend modern (zumindest die deutsche Übersetzung von Karina Of) und lässt sich gut lesen. Nichtsdestotrotz ist der Roman meiner Meinung nach vielleicht nicht ganz so progressiv, wie es zunächst den Anschein hat. So scheint es weniger relevant zu sein (außer für Rhoda Nunn und Miss Barfoot), Frauen dazu zu bringen, sich selbstständig ohne Ehemann unterhalten zu können, sondern es wird an mehreren Stellen gefordert, Frauen zu bilden, damit sie bessere Ehefrauen werden. So sagt Mr Barfoot

„Nehmen wir einmal an, dass etwa eine Million von uns [Männern]  sehr intelligent und hochgebildet ist. Tja, aber Frauen mit entsprechendem Bildungsniveau gibt es nur ein paar Tausende. Die überwiegende Mehrheit der Männer muss eine Ehe eingehen, die von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist.“

Es werden viele Beispiele für ungebildete Frauen genannt, die nicht nur Schuld an den unglücklichen Ehen sind, sondern ihre armen Gatten auch letzten Endes durch ihre Unausstehlichkeit und eingebildeten Krankheiten in den Tod treiben. Diese Männer können sich aufgrund finanzieller Erwägungen oder ihres „empfindsamen Gewissens“ nicht dazu durchringen, sich von ihren Frauen scheiden zu lassen. Interessant ist, dass der Autor selbst mehrere Male verheiratet war und die letzten Jahre seines Lebens in „wilder Ehe“ mit einer Frau gelebt hat.

Aber dennoch wird auch ein Mann beschrieben, der aufgrund seiner altmodischen Vorstellungen der Aufgaben einer Frau seine Ehefrau in die Arme eines anderen Mannes treibt. Außerdem wird oftmals aufgezeigt, dass die Wege, die unverheiratete Frauen der Mittelklasse einschlagen mussten, in vielen Fällen in Unglück, Krankheit, Sucht und Tod enden.

Ich fand diesen Roman unheimlich interessant zu lesen, da er von einem Mann geschrieben wurde, der teilweise emanzipatorische Ideen aufgreift und das schon einige Jahre vor dem erstmaligen öffentlichen Auftreten von Emmeline Pankhurst und dem Beginn der Frauenbewegung.

Leider kann man das Buch nur noch gebraucht erwerben. 

 

Die überzähligen Frauen

George Gissing

Insel Verlag, 1999

ISBN: 3-458-34201-X

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