Jeanette Winterson – Der weite Raum der Zeit

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„Der weite Raum der Zeit“ der Autorin Jeanette Winterson ist ein Teil der Reihe „Hogarth Shakespeare“, in der bekannte Autoren die Stücke Shakespeares in moderne, eigene Geschichten adaptieren. Dieser Roman (und auch die anderen der Reihe) erscheinen beim Klaus Verlag in deutscher Übersetzung. „Der weite Raum der Zeit“ basiert auf „Das Wintermärchen“, einem von Shakespeares Spätwerken, in dem ein von Eifersucht zerfressender König sein Leben und das seiner Liebsten zerstört. Eine Zusammenfassung des Stücks befindet sich auf den ersten Seiten des Romans.

Die Geschichte beginnt in New York City mit dem Auffinden eines Babys in einer offen gelassenen Babyklappe von Shep und dessen Sohn. Nachdem die beiden Zeugen eines Mordes geworden sind, nehmen sie das Baby und die Tasche, die neben dem Säugling liegt, mit zu sich nach Hause. In der Tasche befindet sich viel Bargeld, kostbarer Schmuck und ein Musikstück, das mit „Perdita“ betitelt ist. Er benennt das Mädchen nach dem Musikstück und kauft von dem Bargeld eine Bar. Danach geht die Handlung zurück in die Zeit kurz vor der Geburt Perditas in London. Leo, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der durch dubiose Geschäfte zu Reichtum gelangt ist, verdächtigt seinen besten Freund aus Kindheitstagen und jetzigen Geschäftspartner Xeno eine Affäre mit seiner Frau MiMi, einer französischstämmigen Sängerin zu haben. Auch das Kind, das sie erwartet, soll von Xeno sein. Vollkommen von seiner Eifersucht zerfressen, versucht er seinen besten Freund zu töten und behandelt seine Frau so schlecht, dass sie zusammen mit dem Baby zu einer gemeinsamen Freundin flieht. Leo schafft es jedoch, einen Mann zu bestechen, das Baby zu holen und nach New York zu Xeno, dem vermeintlichen Vater des Kindes zu bringen. Dies misslingt jedoch, da der Mann auf den Straßen New Yorks ermordet wird. Einige Jahre später ist Perdita eine fast erwachsene Frau, die bei ihrem Adoptivvater und Bruder lebt. Sie hat sich in Zel verliebt, der zufällig der Sohn von Xeno ist. Schnell wird klar, dass Perditas Vergangenheit eng mit der ihres Freundes zusammenhängt. Sie machen sich gemeinsam auf den Weg, Perditas Herkunft zu erkunden.

Dieses Buch hat es mir wirklich nicht leicht gemacht, es zu mögen. Die Charaktere sind leider flach: Perdita, das schöne und gute Findelkind; Leo, der kaltherzige Geschäftsmann, dessen Eifersucht ihn fast in den Wahnsinn treibt und nicht nur sein Leben zerstört; Xeno, der tiefsinnige, gebrochene, homosexuelle Künstler (er erfindet Videospiele), der versucht, seinen Kummer in Alkohol zu ertränken; Zel, der schüchterne, intelligente Junge, der seinen Vater verachtet. Auch die Art, Leos Eifersucht deutlich zu machen, funktioniert bei mir leider nicht- der Versuch, seiner Raserei durch derbe Schimpfworte und eigenartige Sexualfantasien Ausdruck zu verleihen, erzielt bei mir leider nicht den gewünschten Effekt, sondern veranlasste mich eher zum exzessiven Augenrollen. Das Ende ist eher zu viel des Guten (und das ist noch euphemistisch ausgedrückt), allerdings musste sich die Autorin natürlich auch an die Vorlage halten und hatte wahrscheinlich keine wirkliche Wahl. Natürlich hat der Roman auch Stärken. So fand ich die Umsetzung von MiMis (im Original Hermione) Schicksal sehr treffend umgesetzt. Im „Wintermärchen“ stirbt Hermione und es wird eine Statue aus Stein von ihr im Palast aufgestellt. Ich war schon vor dem Lesen des Buches gespannt, wie man damit umgehen würde und Winterson hat dies wunderbar gelöst. MiMi ist eine gebrochene Frau, die durch die Straßen von Paris streicht.

„Paris ist voller Engel. Jeden Tag entdeckt sie eine neue Statue, eine neue Schnitzerei, und stellt sich vor, was wäre, wenn sie alle zum Leben erwachen würden. Wer hat sie eigentlich eingeschlossen in Stein? Auch sie fühlt sich eingeschlossen in Stein.“

Auch die Metaphern, die ab und an eingestreut werden, sind gekonnt und poetisch, ohne dabei in den Kitsch abzudriften. Ebenso fand ich die Beschreibung des Videospiels, das Reno kurz vor Perditas Geburt entworfen hat, sehr interessant und ansprechend. Alles in allem ist dieser Roman streckenweise gut geschrieben und ist vor allem für Leser zu empfehlen, die sich für moderne Umsetzungen der Werke Shakespeares interessieren.

 

Der weite Raum der Zeit

Jeanette Winterson

Knaus, 2015

ISBN: 978-3-8135-0673-0

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