Espido Freire- Die Cousine

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„Die Cousine“ ist der erste Roman der spanischen Schriftstellerin Espido Freire.

Natalia, die Erzählerin des Romans, hat ihre Schwester Sagrario nach langer Krankheit verloren. Übrig sind nun sie, ihre Eltern und ihre jüngste Schwester, die nur „die Kleine“ genannt wird. Natalia führt ein isoliertes Leben, sie hat keine Freundinnen in der Schule und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Tod ihrer Schwester und ihrem Herbarium. Sie kennt sich sehr gut mit Pflanzen aus, besonders die giftigen interessieren sie sehr. Damit sie etwas anderes erlebt und Abstand zu den traurigen Ereignissen bekommt, schickt ihre Mutter sie in den Sommerferien auf den Landsitz ihrer Familie, der inzwischen aber allein Natalias Tante gehört. Dort soll sie den Sommer mit ihrer Cousine Irlanda, ihrem Cousin Roberto und deren Freunden in dem alten Landhaus verbringen. Natalia passt nicht zu dieser Gruppe, obwohl sie fast gleichaltrig mit ihrer Cousine und ihren Freundinnen ist. Sie wirkt kindlich und verbringt ihre Zeit damit, sich auszumalen, wie ihre Schwester im Reigen der Geister tanzt. Das Leben, das Irlanda führt, liegt fern ihrer Vorstellung, sie möchte nicht erwachsen sein und sich auch nicht mit der Welt der Erwachsenen beschäftigen müssen. Natalias Leben besteht vor allem aus guten und bösen Geistern (ihre verstorbene Schwester ist ein guter Geist), die durch Zauberkreise, die sie um das Haus zieht, ferngehalten werden, sie scheint in einer düsteren Märchenwelt zu leben.

Nichtsdestotrotz wird sie bald von der Schönheit und Großherzigkeit ihrer Cousine eingenommen und beginnt, sich damit abzufinden, ihre Kindheit langsam hinter sich zu lassen. Als die beiden Freundinnen Irlandas das Landgut verlassen, ändert sich aber auch ihr Verhalten gegenüber Natalia. Sie benimmt sich herrisch, gierig und lechzt nach der Aufmerksamkeit von Gabriel, dem Freund ihres Bruders, der bereits zarte Freundschaftsbande mit Natalia geknüpft hatte. Natalia sieht in Gabriel jemanden, der eine ähnliche Weltsicht hat wie die ihrige und fühlt sich ihm verbunden, umso verletzter ist sie, als Irlandas ihr Konkurrenz macht. Dies führt zu erheblichen Spannungen, die das Leben aller nachhaltig verändern wird.

Obwohl der Roman nur 155 Seiten lang ist, werden in ihm viele große Themen angesprochen: Tod, Leben, Erwachsenwerden, Liebe und Hass. Dabei wirkt die Geschichte zu keinem Zeitpunkt überladen, denn jeder Satz scheint durchdacht zu sein, jedes sprachliche Bild hat eine Bedeutung, die sich aber zum Teil erst am Ende des Buches erschließen lässt. Trotz seiner Kürze ist „Die Cousine“ sprachlich opulent, er ist voller Metaphern und Märchenhaftem, was der Erzählperspektive geschuldet ist. Der Leser erlebt diesen Sommer ausschließlich aus der Sicht Natalias, in deren Augen es vollkommen normal ist, sich vor Geisern in acht zu nehmen und nachts zu wachen, damit ebendiese nicht das Haus in Besitz nehmen können. Dies steht im starken Kontrast zu der realen Welt, der Welt Irlandas und ihrer Freunde. Während Natalia ihre Zeit damit verbringt, sich in erdachte Welten zu flüchten (die für sie allerdings bedrückend real sind), feiert ihre Cousine rauschende Feste und träumt von Reisen in andere Länder. Dieser Sommer in dem ehemals herrschaftlichen und nun langsam verfallenden Landhaus zwingt Natalia, langsam Abschied von ihrem bisherigen Leben zu nehmen.

„Während ich mich wieder an den Tisch setzte, beschlich mich ein neues, eigenartiges Gefühl, ein beunruhigendes Bohren, das ich wegzuschieben versuchte, das Gefühl, dass das Leben früher nicht so gewesen war, dass es etwas war, das ich zurückgewinnen musste, etwas, das mir unmerklich entglitt, in einem zum Verzweifeln langsamen Tempo.“

Ihre Kindheit und die Märchenwelt, die sie sowohl beschützt als auch ängstigt, scheinen ihr in diesem Sommer langsam zu entgleiten, ihre verstorbene Schwester „besucht“ sie nicht mehr so oft wie in ihrem Zuhause. Doch obwohl Natalia an einem Punkt beschließt, ihre Kindheit und die für sie untrennbar damit verbundenen Geister hinter sich zu lassen, kehrt sie immer wieder in ihre Fantasiewelt zurück, welche ihr Denken und Handeln erheblich beeinflusst. Ich habe diesen Roman schon mehr als einmal gelesen und bin immer wieder begeistert (und schockiert) von der Realität, die Natalia für sich erschaffen hat und den vielen Vorausdeutungen, die Espido Freire in ihren Beschreibungen versteckt hat, die schon früh auf das Ende hinweisen.

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