Haruki Murakami – Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

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Tsukuru Tazaki ist in Nagoya aufgewachsen und war während seiner Schulzeit Teil einer Clique von fünf Personen. Was ihn von den anderen (dem sportlichen Aka, dem klugen Ao, der schlagfertigen sprachbegabten Kuro und der stillen musikalischen Schönheit Shiro) unterschied, war die Tatsache, dass in seinem Namen keine Farbbezeichnung vorkommt, er ist unter seinen Freunden als „der Farblose“ bekannt. So fühlt er sich auch oftmals, da er seiner Meinung nach kein außerordentliches Talent besitzt und auch während ihrer Treffen hält er sich mehr ruhig im Hintergrund.

Tsukuru interessiert sich allerdings brennend für Bahnhöfe und um seinen Traum, später selbst einmal Bahnhöfe zu entwerfen, zu verwirklichen, zieht er nach dem Schulabschluss zum Studium nach Tokio. Seine übrigen Freunde bleiben in Nagoya und studieren dort. Er hält jedoch mit seinen Freunden den Kontakt und fährt regelmäßig nach Hause, um Zeit mit ihnen zu verbringen. Doch eines Tages teilen ihm seine Freunde mit, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen und er den Grund dafür genau kenne. Tsukuru ist sich keiner Schuld bewusst, er ist allerdings auch zu schockiert, um weiter nachzuhaken. Fortan verbringt er die meiste Zeit allein in Tokio, er ist ein fleißiger Student und geht regelmäßig schwimmen. Er hat jedoch eine tiefe Sehnsucht nach dem Tod, sobald er alle Aufgaben des Tages erledigt hat, fällt er in ein tiefes Loch .

„Und gähnend tat sich vor ihm der schwarze Schlund der Verzweiflung auf, der bis in die tiefen der Erde reichte. Er sah ein wirbelndes, sich zu einer Wolke verdichtendes Nichts, während drückende Stille auf seinem Trommelfell lastete.“

Als er einen anderen Studenten kennenlernt, verflüchtigt sich diese Wolke jedoch. Allerdings verschwindet auch dieser Freund ohne sich zu verabschieden aus seinem Leben. Mit 36 Jahren lernt Tsukuru Sara kennen und verliebt sich in sie. Sara ist auch die erste, der er die Geschichte seiner Clique aus Jugendzeiten anvertraut. Sie hat das Gefühl, dass er das Ende seiner Freundschaft erst aufklären muss, um mit ihr eine Beziehung zu beginnen. So fängt Tsukuru an, seine Freunde aufzusuchen, um mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen.

Dies war mein erster Roman von Haruki Murakami. Er hatte mich angesprochen, da ich Gabriel Garcia Marquez sehr schätze und die Romane Murakamis auch magische Züge haben sollen. Obwohl diese Geschichte nicht viele Elemente des magischen Realismus enthielt, hat sie mir trotzdem überraschend gut gefallen. Murakami versteht es, eine Stimmung mit wenigen Worten und Metaphern zu schaffen, die treffend und berührend sind. Besonders Tsukuris Gefühlslage nachdem seine Freunde ihn ausgestoßen haben, hat mich sehr erschüttert. Auch sein ständiges Gefühl der Unzulänglichkeit, das ihn selbst noch als Erwachsener verfolgt, fand ich sehr ergreifend.

„Ich habe keine Persönlichkeit, ich bin farblos. Ich habe ihr nichts zu bieten. Das ist von Anfang an mein Problem gewesen. Ich komme mir vor wie ein leeres Gefäß. Vielleicht habe ich eine gewisse Form, aber von Inhalt kann keine Rede sein.“

Dies ist allerdings nur Tsukuris Meinung, sein Umfeld empfindet ihn weder als farblos noch als leer.

Die „Magie“ spielt sich in diesem Roman hauptsächlich in den Träumen des Protagonisten ab, oftmals verweben sich dort Realität und Traum und es entstehen Parallelwelten, in denen Lücken in der Geschichte geschlossen werden, bzw. alternative Szenarien geschaffen werden. Gelungen sind auch die Namen der einzelnen Charaktere, die alle eine besondere Bedeutung haben, seien es Farben oder, wie in Tsukuris Fall, Verben. Sein Name bedeutet übersetzt „machen“ und genau das tut er auch. Trotz seiner privaten Probleme arbeitet er hart, um einen guten Studienabschluss zu bekommen. Im Gegensatz zu seinen ehemaligen Freunden hat er als Erwachsener einen Beruf, der ihn erfüllt. Tsukuri ist aus einer Gruppe Menschen ausgestoßen worden und fristet sein Leben erst in erzwungener Einsamkeit. Im Laufe seines Erwachsenenlebens wird dies jedoch zu einer selbstgewählten Einsamkeit – er vermeidet Nähe zu anderen Menschen aus Angst, wieder zurückgestoßen zu werden und scheint damit, wenn nicht glücklich, so doch zufrieden zu sein. Jedenfalls scheint das so, bis er Sara kennenlernt und sie ihm vor Augen führt, dass er nur zufrieden leben kann, wenn er die Vergangenheit wirklich abschließt. Allerdings beantwortet der Roman nicht alle Fragen. Es wird nicht nur offen gelassen, wie Tsukuris Leben weitergeht, sondern auch viele Dinge, die während der Erzählung in Tsukuris Vergangenheit beschrieben werden, werden nicht aufgeklärt, was mich als Leser immer ungemein „kitzelt“. Ein Kritikpunkt ist, dass die Dialoge des Romans oftmals künstlich wirken, es werden Worte benutzt, die sehr konstruiert klingen, dies mag aber vielleicht der Übersetzung aus dem Japanischen geschuldet sein. Dieses Buch hat mir, trotzdem meine eigentliche Erwartung an den Roman nicht erfüllt worden ist, so gut gefallen, dass ich in absehbarer Zeit sicher ein anderes Werk des Autors lesen werde.

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