Joseph Roth – Die Legende vom heiligen Trinker

IMG_0014

„Die Legende vom heiligen Trinker“ ist posthum 1939 veröffentlicht worden.

Andreas ist ein Clochard (ein Obdachloser) und ein Trinker, dem eines abends ein Mann begegnet, der im 200 Francs gibt. Dieses Geld ist jedoch nur eine Leihgabe, da Andreas als Ehrenmann dieses Geschenk nicht annehmen kann. Der Fremde bittet ihn also, den Betrag in der Kirche der heiligen Therese abzugeben, wenn  er seine Schuld begleichen will. Andreas verspricht ihm, dies am Sonntag (laut eigener Aussage hat er nur dann Zeit) zu tun. Beseelt von seinem unerwarteten Reichtum geht er in ein Bistro, um etwas zu essen und zu trinken. Während er dort sitzt, sieht er in einen Spiegel und erschrickt.

„Er wusste auch zugleich, weshalb er sich in den letzten Jahren so [vor Spiegeln] gefürchtet hatte. Denn es war nicht gut, die eigene Verkommenheit mit eigenen Augen zu sehen. Und solange man es nicht anschauen musste, war es beinahe so, als hätte man überhaupt kein Angesicht oder noch das alte, das herstammte aus der Zeit vor der Verkommenheit.“

Aber er lässt sich davon nicht von seinem Vorhaben abbringen, sondern geht zum Barbier und kehrt danach wieder ins Bistro zurück. Dort macht er Bekanntschaft mit einem Herrn, der ihm 200 Francs für die Mithilfe bei seinem Umzug bietet. Im Laufe der Geschichte widerfahren Andreas ähnliche Wunder, die ihm immer wieder neues Geld verschaffen, das allerdings auch immer wieder seiner Trinksucht zum Opfer fällt. Aufgrund dessen schafft er es auch zu keinem Zeitpunkt, sein Versprechen, das Geld in der Kirche der heiligen Therese abzugeben, einzuhalten.

Diese Novelle ist mein liebstes Werk von Joseph Roth und ich habe sie schon mehrmals gelesen. Die Sprache ist leichtfüßig, sie beschreibt das Geschehen auf vielfältige, auf den Punkt gebrachte Weise, weist dabei aber nie Längen auf oder driftet in den Kitsch ab. Diese Geschichte berührt mich immer wieder, aber ruft auch mein Unverständnis hervor. Andreas bekommt ungleich viele Möglichkeiten, sein Leben in eine andere, bessere Richtung zu führen, aber doch verfällt er immer wieder dem Alkohol. Selbst als sich eine wundersame Begegnung an die andere reiht, hilft ihm das nicht, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Er verzweifelt allerdings auch nicht, wenn er sein ganzes Geld ausgegeben hat, er würde jederzeit problemlos wieder in sein altes Leben zurückgehen, aber natürlich freut er sich, wenn er auf wunderbare Weise wieder zu neuem Reichtum kommt. Er gewöhnt sich sogar an die Wunder,

„Denn an nichts gewöhnen sich die Menschen so leicht wie an Wunder, wenn sie ihnen ein-, zwei-, dreimal widerfahren sind. Ja! Die Natur des Menschen ist derart, dass sie sogar böse werden, wenn ihnen nicht unaufhörlich jenes zu teil wird, was ihnen ein zufälliges und und vorübergehendes Geschick versprochen zu haben scheint.“

Andreas’ Verhalten wird allerdings zu keinem Zeitpunkt von außen bewertet (und auch Andreas reflektiert sein Handeln nicht wirklich), es werden lediglich seine Taten und auch seine Gedanken beschrieben. Im Hinblick auf Joseph Roths eigene Situation wird die Novelle nochmals interessanter: Der Autor war, wie seine Figur Andreas, selbst alkoholsüchtig und starb 1939 vollkommen verarmt in Paris. Obgleich Andreas’ Tun für mich an keinem Punkt nachvollziehbar ist (und man immer wieder hofft, dass er „die Kurve kriegt“), so zeigt Roth durch seine Legende dieses eigenartigen Heiligen meiner Meinung nach eines auf: Auch wenn das Unvermeidbare naht, sollte man sich nie der Hoffnungslosigkeit hingeben, sondern sein Leben so gut genießen, wie man es nur kann.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s