Das Licht der letzten Tage- Emily St. John Mandel

IMG_0011

„Das Licht der letzten Tage“ von Emily St. John Mandel, Jahrgang 1979, ist 2015 im Piper Verlag erschienen.

Der Roman beginnt mit einer Aufführung von Shakespeares „König Lear“ an einem verschneiten Abend in Toronto. Arthur Leander, ein Hollywoodschauspieler, der die Hauptrolle innehat, erleidet auf der Bühne einen Herzinfarkt. Er stirbt an Ort und Stelle, obwohl Jeevan, ein im Publikum sitzender Sanitäter, zu Hilfe eilt. Kirsten, ein achtjähriges Mädchen, die eine der Töchter Lears spielt, beobachtet das Geschehen und ist zutiefst entsetzt, da sie eine gute Beziehung zu Arthur hat. Dies ist der letzte Abend in unserer modernen Welt- eine Grippe wird ausbrechen, die 99% der Menschheit auslöschen wird und die Überlebenden in einer Welt ohne elektrischen Strom, ohne Städte und ein Gesundheitssystem zurückbleiben lässt. 20 Jahre später begleitet der Leser die inzwischen erwachsen gewordene Kirsten. Sie ist Mitglied der „ Fahrenden Symphonie“, einer Gruppe von Musikern und Schauspielern, die die spärlich bewohnten Siedlungsgebiete abfährt und dort Shakespeares Stücke aufführt. Ihr Leben besteht aus Musik, Shakespeare, der Nahrungsbeschaffung und der Suche nach nützlichen Dingen aus der alten Welt. Kirsten ist immer noch sehr interessiert an Arthur Leander, den sie hat sterben sehen und versucht in gefunden Zeitschriften mehr über ihn zu erfahren. Sie kann sich kaum noch an die Zeit vor der Grippe, ihr Leben und ihre Eltern, erinnern- doch sie kann mit der Situation umgehen.

„Wir halten es aus, weil wir jünger waren als du, als das alles zu Ende ging, dachte Kirsten, wenn auch nicht jung genug, um uns an gar nichts mehr zu erinnern. Weil nicht mehr viel Zeit bleibt, weil die Dächer langsam, aber sicher alle einstürzen und bald keines dieser alten Gebäude mehr sicher sein wird. Weil wir immer noch nach der untergegangen Welt suchen, bevor alle Spuren der untergegangenen Welt verloren sind.“

Ich muss gestehen, dass ich bis zu diesem Buch nur zwei dystopische Romane gelesen habe („Schöne neue Welt“ und „Fahrenheit 451“), da mich die meisten einfach nie so interessiert haben. Dieser Roman ist anders. Es gibt keine Technologie, die die Menschheit kontrolliert, es gibt überhaupt keine Technologien. Es gibt keine Staatsmächte, die das Leben der Menschen bestimmen. Es gibt überhaupt keine Staaten, die Menschen leben in kleinen Gemeinschaften. Es gibt keinen Helden, der sich gegen das vorherrschende System auflehnt. Es gibt kein System, keine gesellschaftliche Ordnung. Des Weiteren wird diese Geschichte nicht chronologisch und aus mehreren Perspektiven erzählt. Man springt zwischen Kirsten, Jeevan, Arthur und zwei anderen Charakteren in der Zeit vor der Grippe, während der Grippe und nach der Grippe hin und her, was aber den Lese- und Verständnisfluss überhaupt nicht stört. Ganz im Gegenteil: Gerade das macht dieses Buch, das eigentlich keine spannende Handlung hat, zu einem Roman, den ich nur schwerlich beiseite legen konnte. Man wird eingesogen in eine Welt, in der nichts mehr so ist, wie es für uns selbstverständlich ist- wie gehen Menschen damit um, wenn alles, was sie hatten und fast jeder, den sie kannten, nicht mehr existent ist? Wie baut man sich ein neues Leben auf? Wie schafft man es, nicht nur zu überleben, sondern auch zu leben? Wie ist es möglich, nicht der Hoffnungslosigkeit zu verfallen?

„Was beim Zusammenbruch verloren ging: So gut wie alles, so gut wie alle, aber es ist immer noch so viel Schönheit geblieben.“

Es wird aufgezeigt, wie Menschen mit so einer Katastrophe auf unterschiedlichste Weise umgehen und wieder einen gewissen Lebensmut schöpfen können.

Aber auch die Ereignisse aus der Zeit vor der Grippe zogen mich in ihren Bann. Die Einzelschicksale, die aufgezeigt werden, entweder über mehrere Jahrzehnte oder nur kurz vor der Grippe, waren interessant zu lesen. Man begleitet die Charaktere in Toronto, New York City, London und Asien, man lernt Teile ihrer Lebensgeschichte und ihrer Wünsche und Vorstellungen für die Zukunft kennen. Auch wenn man die ganze Zeit weiß, dass diese nie erfüllt werden, so ist man trotzdem berührt und gefesselt von ihren Geschichten. Ebenso tragen die schöne, klare Sprache, derer sich die Autorin bedient und die Fragen, die in diesem Roman aufgeworfen werden, dazu bei, dass ich dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte und in die Handlung eingesogen worden bin.

Advertisements

3 Gedanken zu „Das Licht der letzten Tage- Emily St. John Mandel

  1. Huhu Annika,

    das Buch habe ich Anfang diesen Jahres gelesen und das Szenario fand ich, wie so oft bei Dystopien, sehr beängstigend. Ich fand auch, dass es durch die Charaktere, aber auch durch den poetischen Schreibstil hervorhob, ich für meinen Teil hätte aber lieber etwas mehr Spannung gehabt. 😉

    Tolle Rezi!

    Liebe Grüße
    Silke

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s