Mark Twain – Die schreckliche deutsche Sprache

Im Jahr 1878 beging der amerikanische Autor Mark Twain eine Reise, die ihn durch Deutschland, Österreich und die Schweiz führte. Zwei Jahre später erschien dann das Reisebuch „Bummel durch Europa“ (im Original: „A Tramp Abroad“), in dessen Anhang sich der Aufsatz „Die schreckliche deutsche Sprache“ („The Awful German Language“) befindet.

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Mit spitzer Feder und einem Augenzwinkern berichtet Twain von den Eigenheiten und Schönheiten der deutschen Sprache und präsentiert am Ende Verbesserungsvorschläge für ihre Reformierung, die er übernehmen würde. Er empfindet sie als schwer zu erlernen und asseriert, dass die Komplexität ihrer Grammatik es eigentlich erfordert, Deutsch zu einer toten Sprache zu erklären, da „nur die Toten genug Zeit haben, sie zu lernen“.

Die Dinge, die ihn zu der deutschen Sprache eine Hassliebe haben entwickeln lassen, werden auf amüsante Weise dargestellt – sei es die Deklination der Adjektive, die Satzklammer, bei der das finite Verb am Ende steht oder aber das Genus der Nomen, das jeglicher Vernunft entbehrt- so heißt es z.B. der Mann (Maskulinum), während es das Mädchen (Neutrum, obwohl der Begriff eine Frau beschreibt) heißt. Hinzu kommt noch, dass es im Englischen nur das Wort „it“ als Personalpronomen für Dinge gibt, während sich die Pronomina im Deutschen vom Geschlecht des Nomens ableiten. Des Weiteren fasziniert ihn die die Neigung, Komposita zu bilden, immens.

„Ich interessiere mich sehr für diese Kuriositäten. Wann immer mir ein vortreffliches Exemplar begegnet, stopfe ich es aus und stelle es in mein Museum.“

Twain spricht allerdings auch über die Schönheiten des Deutschen, so hat diese Sprache für ihn einen weichen, zarten Klang und in Verbindung mit Worten, die Frieden, Liebe, Natur und Mythologie beschreiben, sehr berühren können.

Die Stärke dieses Aufsatzes liegt nicht darin, dass Twain angibt, was ihm an der deutschen Sprache gefällt und nicht gefällt, sondern die Art, wie er sie beschreibt. Bei ihm werden Komposita zu einem „dieser gewaltigen Gebirgszüge“ die sich über eine Seite Text erstrecken, sie sind für ihn keine Wörter, sondern „alphabetische Prozessionen“, oder die Wahl des richtigen Kasus ist ein „grammatikalisches Horoskop“. Die sprachlichen Bilder, die er erschafft, bringen den Leser nicht nur zum Schmunzeln, sondern sind auch das Werk eines Mannes, der sich intensiv mit einer für ihn fremden Sprache auseinandergesetzt und diese in überaus poetische Worte gekleidet hat. Worte, die vermeintliche Trockenheit der Grammatik zu etwas äußerst Lebendigem machen. Es wird  z.B. ein Hund statt zweien gekauft,da das -e, das den Plural bezeichnen sollte, von dem Verkäufer als -e im Dativ Singular angesehen wird und die Regeln der Grammatik auf Seiten des Verkäufers standen.

Twains schiere Verzweiflung ob dieser komplizierten grammatikalischen Strukturen, die für ihn wenig nachvollziehbar zu sein scheinen, zeigt auch dem (deutschsprachigen) Leser auf, wie schwer es sein muss, diese komplexe Sprache zu meistern, wenn man sie nicht von Kindesbeinen an gelernt hat.

„Meine philologischen Studien haben mich hinreichend davon überzeugt, dass für eine begabte Person Englisch in 30 Stunden, Französisch in 30 Tagen und Deutsch in 30 Jahren erlernbar sein sollte.“

Das kleine Büchlein umfasst 95 Seiten, auf der linken Seite ist der englische Originaltext und auf der rechten findet man die deutsche Übersetzung. Dies ist eine gute Lösung, da der deutsche Text zwar unterhaltsam ist, man aber als Deutsch Muttersprachler vielleicht irritiert ist, da wir diese Sprache einfach verinnerlicht haben und nur wenige sich nach dem Schulabschluss mit der deutschen Grammatik auseinandersetzen müssen. Man kann, indem man den direkten Vergleich zum Englischen hat,verstehen, was dem Autor solche Schwierigkeiten beim Erlernen dieser Sprache bereitet hat. Außerdem hat das englische Original an einigen Stellen einen Sprachwitz, der sich nur schwerlich ins Deutsche übertragen lässt. Dieser Aufsatz ist ein verbalisiertes Pläsier voller eloquenter Aperçus, den man sich auf jeden Fall gönnen sollte. Oder um es in Twains Worten auszudrücken: Die Leser werden viel Freude dabei „wollen haben werden sollen sein hätte“.

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