Elizabeth Strout – Bleib Bei Mir

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Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland geboren. „Bleib bei mir“ ist ihr zweiter Roman.

Der Roman spielt im Jahr 1959 in West Annett, einer kleinen Stadt im US Bundesstaat Maine. Die Frau des Pastors Tyler Caskey ist vor kurzem gestorben. Tyler scheint nicht nur seine Frau, sondern auch seinen Glauben verloren zu haben. Er, der ehemals engagierte Pastor einer kleinen Gemeinde, der seinen Mitgliedern viel Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt hat, ist jetzt antriebs- und lustlos bei seiner Arbeit. Auch seine Predigten, die er vormals mühevoll erarbeitet und frei vorgetragen hat, sind jetzt nicht mehr so fesselnd und werden nur abgelesen. Er ist freudlos und sieht keinen Sinn mehr in den Dingen, die ihm früher mal etwas bedeutet haben.

„Freude- er war immer voller Freude gewesen, dachte er. Selbst als die Ehe ihre Sorgen mit sich gebracht hatte. Und Freude war das Wort, das C.S. Lewis gebrauchte, um sein Verlangen nach Gott zu beschreiben. Es war das, was das GEFÜHL ausmachte, begriff Tyler. Aber wie sollte er jemals wieder Freude empfinden können?“

Selbst das Verhalten seiner ältesten Tochter Katherine (seine andere Tochter Jeannie lebt bei Tylers dominanter Mutter) scheint ihn nicht aus seiner Lethargie zu reißen. Seit dem Tod ihrer Mutter spricht sie kaum noch, sie macht ins Bett und schottet sich komplett von der Außenwelt ab. Als Tyler von Katherines Lehrerin auf ihr verstörtes Verhalten angesprochen wird, reagiert er nur abweisend und denkt, dass man dem Kind nur genug Zeit geben muss, um mit dem Verlust der Mutter zurecht zu kommen.

Seine Gemeindemitglieder, die ihn vorher bewundert, wenn nicht sogar verehrt, haben, wenden sich enttäuscht von ihm ab. Anfangs versuchen sie noch, ihn zu unterstützen, aber da er ihren Bemühungen nicht zugänglich scheint, geben sie es bald auf. Dafür beginnen vor allem die Frauen, über das eigentümliche Verhalten des Pastors und seiner Tochter zu tratschen, selbst vertrauliche Informationen werden sofort an andere Bewohnerinnen weitergegeben. Alle Dinge, die Tyler tut, z.B. seine aufkeimende Freundschaft zu seiner Haushälterin Connie, werden unverzüglich zum Stadtgespräch. Der Tratsch unterbricht den eintönigen Alltag der Kleinstadtmenschen, er bringt ihnen Abwechslung, die Möglichkeit ein Gespräch mit ihrem Ehepartner zu führen und sich von den eigenen Problemen ablenken zu können.

Der Roman ist nicht leicht zusammenzufassen, da Strout nicht nur die aktuellen Situation Tyler Caskeys beschreibt, sondern auch in nicht chronologischer Reihenfolge die Ehe der Caskeys von ihren Anfängen bis zum Ende erzählt. Hinzu kommt, dass auch ein Blick in die Leben der Gemeindemitglieder geworfen wird. Der Leser merkt, dass hinter der gepflegten Fassade Risse sind, sei es ein Mann, der seine Ehefrau betrügt, eine Hausfrau, die sich zu nichts mehr aufraffen kann oder eine junge Lehrerin, die glaubt, dass die Höhepunkte ihres Lebens schon vorbei seien. Auch der Charakter und familiäre Hintergrund Lauren Caskeys werden näher beschrieben. Trotz dieser Masse an Themen und Charakteren wirkt der Roman authentisch. Tylers depressiver Zustand, seine Verzweiflung ziehen den Leser in seinen Bann, man kann die Leere und Trauer, die in ihm herrschen, fast spüren. Auch die meisten anderen Charaktere des Romans sind nicht glücklich, sie lügen, betrügen und können ihre Freudlosigkeit nur schwer verbergen. Doch Tyler ist eine immerwährende Quelle neuen Tratsches, er liefert in regelmäßigen Abständen kleine Verfehlungen, die zu Skandalen aufgebauscht werden. Man bekommt das Gefühl, dass in die Bewohner West Annetts nur Leben kommt, wenn sie etwas skandalträchtiges zu berichten haben. Viele der persönlichen Geschichten der Bewohner werden offen gelassen, dies ist mit ein Grund, warum mir sowohl dieser Roman als auch „Das Leben, natürlich“ sehr gut gefallen haben. Dies gibt dem Leser die Möglichkeit, selbst darüber nachzudenken, wie es weitergegangen sein könnte und es macht diesen Roman auch zu etwas „Echtem“, da man den meisten Menschen auch nicht so Nahe kommt, dass man ihre Geschichte vom Anfang bis zum Ende genau verfolgen kann.

 

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2 Gedanken zu „Elizabeth Strout – Bleib Bei Mir

  1. Ich kenne und schätze Strout dank eines früheren Romans und finde Lebensgeschichten, die in der Provinz spielen, immer wieder sehr spannend, weil sie Einblicke in das einfache Leben, in den Alltag geben und darin allerdings auch exemplarisch große Lebensfragen aufwerfen. Und ich denke, das können die amerikanischen Autoren nahezu am besten. Viele Grüße

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