Lena Gorelik – Null bis unendlich

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Der 2015 erschienene Roman „Null bis unendlich“ von Lena Gorelik ist die Liebesgeschichte zweier Menschen, die gar keine ist (oder vielleicht doch?).

Die jugoslawische Kriegswaise Sanela und der hochintelligente Nils Liebe lernen sich 1992 als Teenager kennen, als ihre Lehrerin sie im Unterricht nebeneinander setzt und Nils bittet, sich um Sanela zu kümmern, die kaum Deutsch spricht. Es entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen Nils Liebe, der sich den Menschen aufgrund seiner Intelligenz überlegen und sich von seinen Eltern unverstanden fühlt und Sanela, die bei ihrer ungeliebten Tante lebt und ihre ständige Wut an sich selbst auslässt.

„Sanela kannte Wut nur als Gefühl der Maßlosigkeit, wenn sie wütend wurde, waren es sogar ihre Haare, die abstehenden Ohren liefen rot an, ihre Stimme musste die Welt übertönen, ihr Herz hämmerte, ihr Blut pulsierte, dass die Finger zitterten. Meistens war diese Wut nach innen gerichtet, Sanela hasste sich selbst. Auch für alles, was andere taten. Das wird mit der Zeit vergehen. Gefühle lassen sich auch umkehren. Man kann zum Beispiel auch andere hassen, für das, was man tut.“

Sanela beschließt, mit Nils Liebe nach Jugoslawien zu fahren, um das Grab ihres verstorbenen Vaters zu suchen (ihre Mutter war schon sehr viel früher an Krebs gestorben). Da Sanela Sanela ist und Nils das tut, was sie ihm sagt, fahren die beiden Jugendlichen ins Kriegsgebiet, ihre Suche nach dem Grab verläuft aber erfolglos. Zurück in Deutschland, nach einem missglückten Selbstmordversuchs Sanelas und dem darauf folgendem Umzug, trennen sich erst mal ihre Wege. 15 Jahre später schreibt Sanela, inzwischen Mutter eines Sohnes namens Niels Tito und an einem Hirntumor erkrankt, Nils Liebe einen Brief. Die beiden treffen sich und beginnen so etwas wie eine Beziehung.

Ich habe mir das Buch aufgrund der positiven Besprechung von Christine Westermann bei WDR2 Bücher gekauft und wurde nicht enttäuscht. Obwohl ich nur in einigen Passagen Sympathie oder Verständnis für die Protagonisten empfand, habe ich es mit Begeisterung gelesen. Zu Beginn, als Sanela kaum Deutsch spricht, vertiefen sie ihre Beziehung, indem sie sich in dem Bücherladen des kleinen Ortes die Romane zeigen, die sie gelesen haben- um sich zu verständigen, brauchen sie nicht viele Worte. Meistens bestimmt Sanela, was sie tun, wie zum Beispiel die Reise in ihre Heimat. Auch als sie sich als Erwachsene wieder treffen, hat sich daran nicht viel geändert- Sanela bestimmt den Ablauf ihrer Beziehung und Nils Liebe richtet sich danach. Sanela und Nils brauchen auch jetzt nicht viele Worte aneinander zu richten,

„Bei allem, was war, bei allem, was ist, bei allem, was sein wird, wissen sie, wer sie sind, und brauchen dafür keine Worte.“

Leider ist dieses Glück nur von kurzer Dauer, da Sanela in den 15 Jahren, die seit ihrem ersten Treffen vergangen sind, ihre Wut nicht mehr nur gegen sich selbst richtet, sondern ihre Umgebung verletzt. Sie verletzt meist mit Worten und Taten, auch wenn Nils Liebe eine physischer Gewaltausbruch lieber gewesen wäre als ihre verletzenden Worte. Aber Nils bleibt bei ihr, obwohl er selber nicht so genau weiß, warum. Dem ein oder anderen Leser mag dies zu konstruiert wirken, aber meiner Meinung nach ist Nils Verhalten schlüssig- erst als er mit Sanela zusammen ist, beginnt er überhaupt etwas zu fühlen und er fühlt sich ihr nicht überlegen wie den meisten anderen Menschen. Nils Liebe war, bis Sanela kam, ein Einzelgänger, der zwar beruflich erfolgreich, aber nicht in der Lage war, sich in die Gefühlswelten anderer hineinzuversetzen und sich oft unverstanden gefühlt hat.  Sanela jedoch scheint unfähig zu sein, Liebe zu spüren (nach ihrer Aussage liebt sie nur ihren Sohn und ihren Vater), sie schlägt verbal wild um sich, wenn zu viel Nähe entsteht, selbst ihr zehnjähriger Sohn Niels Tito wird nicht von ihr verschont. Sie ist, wahrscheinlich bedingt durch ihre traumatischen Kindheitserlebnisse, ein schwieriger Charakter, mit dem ich mich nicht anfreunden konnte. Nichtsdestotrotz hat mir der Roman sehr gut gefallen – Goreliks klare, unaufdringliche Sprache, der ständige Wechsel der Perspektiven und die kurzen Zeitsprünge in die nahe Zukunft machten dieses Buch für mich zu einem Leseerlebnis, das mich nicht nur zum Nachdenken angeregt, sondern mich auch mit Sätzen wie „Ich liebe dich nicht, weil, und nicht, obwohl, sagte ich, ich liebe dich nur.“  berührt hat.

 

Lena Gorelik

Null bis unendlich

Rowohlt, 2015

ISBN:  978 3 87134 806 8

 

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