Doris Lessing – Das Fünfte Kind

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Doris Lessing war eine britische Schriftstellerin, die 2007 den Literaturnobelpreis erhielt und deren wohl berühmtestes Werk „Das Goldene Notizbuch“ (erschienen 1962) ist.

„Das Fünfte Kind“ erschien im Jahr 1988 und handelt von einer Familie, die nach der Geburt des jüngsten Sohnes Ben auseinander bricht.

Harriet und David Lovatt lernen sich auf einer Betriebsfeier im wilden London der sechziger Jahre kennen. Sie sind beide, aufgrund ihrer konservativen Weltanschauung und dem Wunsch nach einer stabilen und glücklichen Familie, Außenseiter in der aktuellen sexuellen Revolution, die sich dort finden. Schnell kaufen sie – mit Hilfe von Davids wohlhabendem Vater- ein viel zu großes Haus und bekommen ihr erstes Kind, dem bald danach noch drei weitere folgen. Auch wenn ihre  Verwandten Unverständnis für Harriet und David Lovatts Lebenstraum haben, so kommen sie doch alle zu den zu den Familienfeiern, die sich immer  über einen längeren Zeitraum hinziehen und stets gut besucht sind. Es wird gegessen, geredet, gelacht und gebacken- „das war das Glück, auf die alte Art“. Als Harriet allerdings zum fünften Mal schwanger wird- diesmal ungewollt- trübt sich das Glück der Familie. Die Schwangerschaft erweist sich als anstrengend und schwierig für Harriet, denn der Fötus tritt sie unentwegt. Um halbwegs zu funktionieren, beginnt sie Beruhigungstabletten zu nehmen, um das ungeborene Kind ruhig zu stellen. Als Ben dann schließlich nach acht Monaten geboren wird, scheint er seine Mutter und seine Umgebung gleich weiter zu malträtieren- er beißt seiner Mutter die Brustwarzen wund, zeigt sich aggressiv und tötet als Kleinkind sogar Katze und Hund der Familie. Als die Familie ob Ben Verhalten zu zerbrechen droht, wird Ben in ein Heim weit weg von seinem zu Hause gebracht, aber bald darauf von seiner Mutter wieder nach Hause geholt- die katastrophalen Zustände in diesem Heim und der Zustand, in dem sich Ben bei ihrem Besuch befand, waren ihr zu unerträglich.

Das Buch hat mich gefesselt, da ich den Zusammenbruch dieser vermeintlich glücklichen Familie, den ich als Leser erleben durfte, sehr interessant fand. David und Harriet sind von von Beginn an gegen dieses Kind, da sie eigentlich eine Pause bei der Familienerweiterung einlegen wollten. Vorher rümpfen sie ihre Nase über die unglückliche Ehe von Harriets Schwester Sarah, die dann auch noch ein Kind mit einer Behinderung  zur Welt bringt, sie stellen das Glück ihrer Familie immer in den Vordergrund :

„Glück. Eine glückliche Familie. Ja, die Lovatts waren eine glückliche Familie.Es war das, was sie sich erwählt hatten und was sie verdienten.“

Für diese Familie besteht das Glück innerhalb ihrer eigenen vier Wände, alles andere wird ausgeblendet, selbst Nachrichten werden in diesem Haus selten gelesen und gesehen. Das Haus der Lovatts ist ihre letzte Bastion gegen die grausame, gewalttätige Außenwelt.

Doch die Idylle wird durch das Verhalten des fünften Kindes Ben ge- und letztendlich zerstört. Die Freunde und Verwandten, die sonst mehrere Wochen in dem Haus verbrachten, wenden sich von ihnen ab, selbst ihre älteren Kinder ergreifen die erste Möglichkeit das Elternhaus zu verlassen. Ben ist ein Monster, laut seiner Mutter ein genetischer Rückfall der menschlichen Entwicklung. Mit dieser Erklärung macht man es sich aber, meiner Meinung nach, zu einfach. Bens Verhalten hätte durch eine geistige Behinderung durch die Medikamenteneinnahme seiner Mutter während der Schwangerschaft erklärt werden können, seine Aggressivität, Zerstörungswut, seine Apathie und Lernschwierigkeiten könnten auch durch die Ablehnung seiner Person von Kindesbeinen an (eigentlich schon vor seiner Geburt) erklärt werden. Dies ist allerdings mein einziger Kritikpunkt an diesem Buch, das ich ansonsten nur weiterempfehlen kann. Der Wunsch nach einer perfekten, glücklichen Großfamilie, einem Fixpunkt in dieser unsicheren Zeit, in der die Familie lebt, wird durch das unvorhergesehene Erscheinen eines unpassenden Kindes zerstört- diese Geschichte könnte so auch in der heutigen Zeit stattfinden. Man könnte den Roman auch als eine Parabel lesen- so lange man eine glückliche Familie ist oder die Außendarstellung gelingt, hat man viele soziale Interaktionen mit anderen Menschen (Besuche etc.). Sobald aber irgendetwas geschieht, was nicht in dieses Bild passt, zeigt sich, dass dieser Lebensentwurf den Belastungen nicht standhält.

 

Doris Lessing

Das Fünfte Kind

Naumann & Göbel, 1988

ISBN: 3-625-20924-1

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2 Gedanken zu „Doris Lessing – Das Fünfte Kind

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