Inger Maria Mahlke – Wie Ihr Wollt

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Inger-Maria Mahlkes Roman „Wie Ihr Wollt“ setzt sich mit dem Elisabethanischen England auseinander. Der Stoff orientiert sich an wahren historischen Ereignissen und Personen, er ist jedoch kein historischer Roman im eigentlichen Sinne. Die Sprache ist modern und auch Mary Grey, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist eine moderne Frau.

England 1571. Mary Grey, Urenkelin Mary Tudors, steht seit geraumer Zeit unter Hausarrest, da sie ohne Einwilligung ihrer Cousine, Königin Elisabeth, geheiratet hat. Elisabeth, selbst kinderlos, konnte es nicht zulassen, dass eine Verwandte mit Thronanspruch möglicherweise einen Erben in die Welt setzt. Mary ist die letzte Angehörige der Familie Grey, ihre Eltern und Schwestern sind tot. Zu Beginn des Romans erhält sie die Nachricht, dass auch ihr Ehemann, Thomas Keyes, gestorben ist. Sie behauptet zwar nicht , dass ihre große Liebe gestorben sei, ist aber dennoch traurig, da mit ihm ihre Hoffnung auf ein halbwegs normales Leben zerstört worden ist – bedingt durch ihre Kleinwüchsigkeit wurde sie nie als vollwertiger Mensch betrachtet, selbst von ihren nächsten Angehörigen nicht.

Außerdem ist Mary langweilig- sie lebt schon seit geraumer Zeit unter Hausarrest und ihre einzige Verbindung zur Außenwelt ist ihr Dienstmädchen Ellen, an der sie teilweise ihren ganzen Frust auslässt. Um etwas inneren Frieden zu finden, beginnt sie ihre Geschichte aufzuschreiben, doch eigentlich ist es die Geschichte ihrer Familie. Es ist die Geschichte ihrer beiden Schwestern, der frommen, ehrgeizigen Jane, die später als Neuntagekönigin bekannt wird und der schönen Katherine. Mary selbst bleibt auch in ihren selbstverfassten Memoiren eine bloße Randfigur, eine stille Beobachterin des Geschehens, das sie in keinster Weise beeinflussen kann. Das einzige Mal, in dem sie selbst zum Mittelpunkt des Geschehens wird, ist bei ihrer Hochzeit mit Thomas Keyes, einem Mann weit unter ihrem Stand. Doch durch diese Hochzeit wird sie zu einer potentiellen Gefahr für Königin Elisabeth („die nicht ganz so liebe Cousine“) und schnell von ihrem Gatten getrennt. Dies war etwas, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Sie vergleicht indirekt ihre Situation mit der von Motten, die sie beobachtet.

„Motten denken nicht: ich nicht. Motten denken nicht: Ich hab zugesehen, beobachtet, die Unzähligen vor mir. Ich habe Erkenntnisse gewonnen, ich werde nicht fehlen. Nicht zu eitel sein oder in falsche Sicherheit gewiegt, nicht voreilig, ich weiß, wie es richtig geht. Die Zeichen, bei den anderen, habe ich rechtzeitig erkannt, ich kann sie lesen, wie keiner vor mir, entziffere jedes Kompliment, jede Geste, Ernennung, Höflichkeit. Alles ist gut, denken sie, kurz bevor es geschieht, und verstehen nicht, dass Alles-ist-gut-Denken das entscheidende Zeichen war.“

Nun verbringt sie die Tage und Nächte in einer kleinen Kammer und wenn sie nicht schreibt oder ihre Bedienstete ärgert, beobachtet sie das Geschehen um sich herum, das nicht besonders interessant ist.

Mir hat die Geschichte von und um Mary Grey sehr gefallen, da sich Inger – Maria Mahlke zwar an die historischen Gegebenheiten hält, dies alles aber in einer klaren, modernen Sprache verfasst. Auch Mary Grey ist mir ziemlich schnell ans Herz gewachsen, da ich ihren Charakter als sehr authentisch empfand. Einerseits benimmt sie sich unverschämt gegenüber Ellen, verletzt sie nicht nur mit Worten sondern auch physisch, andererseits ist sie verletzt und traurig, wenn Ellen mit dem Gedanken spielt, sie zu verlassen. Einerseits will sie so schnell wie möglich aus dem Hausarrest entlassen werden, andererseits weiß sie nicht, wohin sie dann gehen sollte. Einerseits will sie als vollständiger, gleichwertiger Mensch wahrgenommen werden, andererseits spielt sie ihre Rolle als Sonderling. Auch fand ich, dass die Eintönigkeit und Langeweile, die Mary Greys Alltag bestimmt, gut vermittelt. Ein Senffleck auf dem Tisch, der Mangel an Kerzen, der Küchenklatsch- davon ist ihr Alltag erfüllt und durch diese kleinen Details kann auch der Leser einen Hauch dieser Langeweile spüren, die aber immer wieder von der interessanten Geschichte der Familie Grey abgelöst wird. Das, was Mary Grey von ihrem tristen Alltag ablenkt, hat auch mich gefesselt, obwohl ich (wie Mary Grey natürlich auch), schon wusste, wie die Geschichte endet.

 

Inger-Maria Mahlke

Wie Ihr Wollt

Berlin Verlag, 2015

ISBN: 978-3-8270-1213-5

 

 

 

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