Jenny Erpenbeck – Gehen, Ging, Gegangen

Jenny Erpenbeck – Gehen, Ging, Gegangen

Jenny Erpenbeck wurde 1966 in Berlin geboren und veröffentlicht mit „Gehen, Ging, Gegangen“ ihr nunmehr achtes Buch, mit dem sie auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015 vertreten war.

2012. Der Berliner Richard ist ein verwitweter und seit kurzem emeritierter Professor. Er ist noch unsicher, was er mit seiner neuen Freiheit anfangen soll. Er hat nun die Zeit, all die Dinge zu tun, die er schon immer tun wollte. Leider erfüllen ihn diese Dinge nicht so, wie er angenommen hatte. Seine Ehefrau ist tot, seine Geliebte hat ihn schon vor Jahren verlassen, er hat keine Kinder. Das Einzige, das er hat, ist Zeit.

Als er hört, dass auf dem Oranienplatz eine Gruppe junger Flüchtlinge zeltet, wird seine Neugier geweckt und er beschließt, sich näher mit ihnen zu beschäftigen.

Obwohl er zu Beginn nur vorhat, die Flüchtlinge über ihre Geschichte zu interviewen, merkt er schnell, dass ihn die Schicksale der jungen Männer nicht unberührt lassen und ihn dazu animieren, mehr Zeit als eigentlich geplant mit ihnen zu verbringen. Er beginnt, ihnen Deutschunterricht zu geben und versucht, das Leben für sie zu verbessern, soweit es seinen Möglichkeiten entspricht, denn

„Wenn es nicht ihr eigenes Verdienst war, dass es ihnen so gut ging, war es andererseits auch nicht die Schuld der Flüchtlinge, dass es denen so schlecht ging. Ebenso gut könnte es umgekehrt sein. Einen Moment lang reißt dieser Gedanke sein Maul weit auf und zeigt seine grässlichen Zähne.“

Dieser Roman hat ein bisschen länger als die anderen Bücher von Jenny Erpenbeck gebraucht, um mich abzuholen. Das mag daran liegen, dass ich zu Beginn keinen richtigen Zugang zu Richard gefunden habe, den ich anfangs als sehr hölzern und in seinen Gewohnheiten festgefahren empfand. Als er jedoch beginnt, näheren Umgang mit den Flüchtlingen zu pflegen, verändert sich sein Alltag und auch seine Weltsicht. Er kommt in Kontakt mit der deutschen  Bürokratie, deren Flüchtlingspolitik bestenfalls unglücklich genannt werden kann, er versucht, seinem Freundeskreis die Probleme der Flüchtlinge näher zu bringen und ihm wird bewusst, wie gut es ihm eigentlich geht und bis zu diesem Zeitpunkt gegangen ist.

Ich fand die Darstellung der Flüchtlingsproblematik (gerade vor dem Hintergrund der  Dublin II Verordnung) glaubwürdig, auch die Einzelschicksale fand ich weder zu mitleidsheischend noch kalt dargestellt. Die Flüchtlinge sind nicht nur Asylsuchende, sie sind Menschen die eine z.T. traumatische Vergangenheit haben und auf eine bessere und sicherere Zukunft hoffen möchten, sofern sie die Hoffnung noch nicht während dieses Schwebeprozesses, indem sie nun schon viel zu lange ausharren, verloren haben. Gerade in diesen Abschnitten hat mich dieser Roman beeindruckt- „dass Karons Sorgen ihn schon so aufgefressen haben, dass er sogar Angst davor hat, zu hoffen“ .

Des Weiteren kann auch Erpenbecks Sprache mich vollends überzeugen. Es gibt einige Wiederholungen von Sätzen, diese drücken für  mich die Hilflosigkeit und vielleicht auch Sprachlosigkeit Richards gegenüber den Schicksalsschlägen, die diese Männer schon in jungen Jahren erfahren mussten, aus.

Außerdem erzählt die Autorin nicht nur eine Geschichte, sie gibt auch Anstöße, die nicht nur zum Nachdenken über das eigentliche Thema des Buches anregen, sondern (jedenfalls für mich) in einigen, kleinen Sätzen auch vielfältige andere Themen anstößt, z.B.  über das Lernen.

Alles in allem hat mich dieser Roman mehr bewegt, als ich am Anfang annahm, das er es tun würde und ich kann die Lektüre nur weiterempfehlen.

Jenny Erpenbeck

Gehen, Ging, Gegangen

Knaus, 2015

ISBN: 978-3-8135-0370-8

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